Deutschstunde

Rechtschreibung mit einem Schuss Esoterik

Heißt es „wieder haben“ oder „wiederhaben“? Das kommt darauf an. Wenn die Rechtschreibung die Aussage bestimmt.

Die Deutschstunde von Peter Schmachthagen.

Die Deutschstunde von Peter Schmachthagen.

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Schreibt man eigentlich „wieder haben“ oder „wiederhaben“? Haben wir es mit einem Wort oder mit zwei Wörtern zu tun? Heißt es also „Ich will das Buch wieder haben“ oder „Ich will das Buch wiederhaben“? Beides wäre richtig, aber die beiden Sätze ergäben einen unterschiedlichen Sinn. Die Rechtschreibung bestimmt hier die Aussage. Es gehört jedoch eine überdurchschnittliche Kenntnis der deutschen Sprache und Semantik (Bedeutungslehre) dazu, beim Lesen den Unterschied aus der Schreibweise zu erkennen. Werden die Sätze vorgelesen oder diktiert, so ist der Hörer völlig hilflos. Wir müssen die Sätze also anders formulieren, um sie zu verdeutlichen: „Ich will das (verliehene) Buch (endlich) wiederhaben (zurückbekommen)“ oder „Ich will das (verlorene) Buch (unbedingt) wieder haben (neu kaufen)“.

In dem Satz „Besser als in Berlin kann ich es nie wieder haben“ handelt es sich bei „wieder“ um ein eigenständiges Adverb, das getrennt vom Verb steht. Getrenntschreibung ist angebracht, wenn „wieder“ die Bedeutung „nochmals, erneut“ hat: das Spiel wieder anpfeifen; einen Ort wieder aufsuchen – oder: Es ist mir wieder eingefallen. Zusammenschreibung mit Verben und Adjektiven finden wir dagegen, wenn „wieder“ im Sinne von „zurück“ gebraucht wird: Kannst du mir das geliehene Fahrrad wiedergeben? Du Rüpel brauchst nicht wiederzukommen. Auch: Der Kranke ist wiederhergestellt (gesundet); den Vorfall exakt wiedergeben (schildern). Das zusammengesetzte unregelmäßige Verb „wiederhaben“ bedeutet „wieder in seinem Besitz haben“: Wann kann ich das Geld wiederhaben? Wir wollen den alten Adenauer wiederhaben.

Kompliziert wird es, wie eingangs dargestellt, wenn beide Schreibweisen möglich sind, die aber eine verschiedene Bedeutung haben: Wir haben uns bei der Feier wiedergesehen (ein Wiedersehen gefeiert) oder wieder gesehen (erneut gesehen).

Nur getrennt heißt es in dem Satz „Der Blinde konnte nach der Operation wieder sehen“. Darüber freuen wir uns alle. Wie spitzfindig eine derartige Rechtschreibung ist und kaum von einem Muttersprachler, geschweige denn von dem Migranten im Deutschkursus beherrscht werden kann, zeigt die unerbetene Korrekturhilfe von MS Word 365 beim Schreiben meines Manuskriptes, die „wieder sehen“ doppelt unterstreicht und in „wiedersehen“ ändern möchte. Computer können manches, scheitern aber vorläufig noch an der deutschen Sprache.

Betrachten wir einmal den Satz „Der frisch gebackene Ehemann kaufte nach der Hochzeitsnacht einen frischgebackenen Kuchen beim Dorfbäcker“. Obwohl die sogenannte Rechtschreibprüfung in Word hier nicht protestiert, ist die Schreibweise natürlich dummes Zeug. „frisch gebacken“ bedeutet „erst vor kurzer Zeit gebacken, noch ganz frisch“, „frischgebacken“ hingegen „erst kürzlich dazu geworden“. Wir dürfen annehmen, dass der „frischgebackene“ Ehemann erst gestern geheiratet und einen „frisch gebackenen“, gerade dampfend aus dem Ofen kommenden Kuchen als Morgengabe erstanden hat.

Die Rechtschreibreformer versuchten, nach Möglichkeit getrennt zu schreiben. Nach dem Diktat eines einzelnen Wortes oder einer einzelnen Fügung können wir die unterschiedlichen Bedeutungen nicht erkennen. Dazu benötigen wir den ganzen Satz. Wenn aber der Kontext erforderlich ist, um den Sinn und daraus die Schreibweise zu ergründen, brauchen wir auch keine unterschiedliche Schreibweise, um den Sinn darzustellen. Die Rechtschreibreform wurde verwässert und so kompliziert gemacht, bis sie mit einem Schuss Esoterik daherkam.

Die eingängige Regel „Verb und Verb immer getrennt“ hat man verschlimmbessert – „kennenlernen“ soll jetzt zusammengeschrieben werden (muss aber nicht), und zwischen „sitzen bleiben“ und „sitzenbleiben“ besteht mehr als ein pädagogischer Unterschied.

deutschstunde@t-online.de