Deutschstunde

Wenn ein Ja kein Ja, sondern ein Nein ausdrückt

Oder umgekehrt ein doppeltes Nein ein Ja. Es ist gar nicht so leicht zu ergründen, ob jemand im Sommer auf Sylt war oder nicht.

Kolumnist Peter Schmachthagen.

Kolumnist Peter Schmachthagen.

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Zwei Kaufleute, die sich lange nicht begegnet sind, treffen sich. Fragt der eine den anderen: „Warst du in diesem Jahr gar nicht auf Sylt?“ Der andere war nicht auf Sylt, aber wie soll er antworten? Mit Ja oder mit Nein? Der Sinn von ja/nein ergibt sich erst aus dem Sinn der jeweiligen Entscheidungsfrage. Mit einem Ja würde er die Verneinung der Frage bejahen, mathematisch ausgedrückt: Minus mal plus ergibt minus. Ja, es ist richtig, dass ich in diesem Jahr gar nicht auf Sylt war. Ja heißt „nicht“. Sein Gegenüber wird das kurze Ja aber missverstehen und erstaunt sagen: „Nanu, ich habe dich im Sommer nicht in Kampen gesehen. Warum hast du dich nicht gemeldet?“

Also versucht er es mit einem Nein, was umgangssprachlich üblich ist, aber sowohl die mathematische als auch die Sprachlogik verletzt. Minus mal minus ergibt plus, wo doch ein Minus erwartet wird: Er war nicht auf Sylt! Ein Nein bedeutet genau genommen und korrekt paraphrasiert (etwas verdeutlichend umschreiben): Nein, ich war nicht gar nicht auf Sylt (also doch, was aber nicht den Tatsachen entspricht). Es gibt Sophisti- ker (Vertreter des logischen Beweises), die so eifrig über die Negationen (Verneinungen) referieren, dass sie gar nicht merken, wenn sie statt auf Sylt in den Müggelbergen gelandet sind. Also sollte der andere ja/nein im Archiv lassen und antworten: „Leider ließen meine Geschäfte einen Besuch auf Sylt nicht zu, aber sobald ich wieder auf der Insel sein werde, müssen wir uns unbedingt verabreden.“

Einfacher ist die Sprachlogik, wenn ein SUV-Fahrer, der auf der Kreuzung gerade einen Fiat 500 gerammt hat, dem Gerammten zubrüllt: „Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?“ Hier steht das Satzäquivalent (der sprachliche Gegenwert) Ja bzw. Nein fest. Es kann allerdings sein, dass der Student im Hoodie (Kapuzenpullover), nachdem er aus seinem Fiat gekrabbelt ist, adversativ (gegensätzlich) zurückbrüllt. „Nein, ich nicht, aber du!“

Das Negationswort (die Verneinung) „kein“ bezieht sich auf eine Nominalphrase, also auf einen Satzteil, der von einem Hauptwort bestimmt wird: kein Ausweg, keine Glanzleistung, kein Halten mehr. Das Negationswort „nicht“ bezieht sich dagegen auf den ganzen Satz: Das habe ich nicht gewollt; der Flughafen ist immer noch nicht fertig. Bei bestimmten Verben des Unterlassens erstreckt sich die Verneinung des Hauptsatzes auch auf den Nebensatz, der deshalb nicht noch einmal verneint wird: Was hindert die Junge Union daran, Annegret Kramp-Karrenbauer abzulehnen? Stände dort als weitere Verneinung „nicht abzulehnen“, bekäme das Ganze einen anderen Sinn.

Keine Ausnahme ohne Ausnahme zur Ausnahme: Drücken die Subjunktionen (Verknüpfungen von Aussagen) „bevor“, „bis“ oder „ehe“ eine weitere Bedingung aus, kann (muss aber nicht) auch der Nebensatz noch einmal zusätzlich verneint werden: Du solltest keinen Text mehr übersetzen, bevor du [nicht] das Honorar für den letzten Monat bekommen hast. Ist der Nebensatz mit „bevor“ dem übergeordneten Satz vorangestellt, muss eine solche zusätzliche Verneinung stehen: Bevor du das Geld nicht bekommen hast, solltest du keinen Handschlag mehr tun.

Doppelte Verneinungen sind auch ein Stilmittel der Rhetorik, der Redekunst. Wenn wir sagen, Herr Müller sei kein schlechter Lehrer, so drücken wir durch die doppelte Verneinung eine Bejahung aus in dem Sinne, dass es sich bei ihm um einen akzeptablen Lehrer handelt. Auch hier wieder die Erkenntnis: Minus mal minus ergibt plus. Diese Stilfigur nennt man eine Litotes, bei der durch eine doppelte Verneinung oder die Verneinung des Gegenteils eine vorsichtige Behauptung ausgedrückt und dadurch eine (ab und zu ironisierende) Hervorhebung des Gesagten erreicht wird: nicht unwahrscheinlich (ziemlich wahrscheinlich); er ist nicht ohne Talent (er hat Talent).

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