Deutschstunde

Die Tochter trat dem Vater vors Schienbein

Peter Schmachthagen schreibt wöchentlich in der Berliner Morgenpost über die Tücken der deutschen Sprache.

Kolumnist Peter Schmachthagen.

Kolumnist Peter Schmachthagen.

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Ein 73 Jahre alter Arzt hat sich bei mir bedankt. Er schreibt: „In meiner Schulzeit war jede Deutschstunde für mich das Grauen selbst. Ihre ‚Deutschstunde‘ ist dagegen jedes Mal ein mit Ungeduld erwarteter Genuss.“ Vielen Dank für die Blumen. Ich gebe mir alle Mühe, den Blick auf die deutsche Sprache nicht allzu langweilig werden zu lassen.

In dem genannten Alter, das beobachte ich an mir selbst, schweifen die Gedanken oft zurück, und plötzlich tauchen Erinnerungen auf, die lange verschüttet waren. Jener Leser dachte an die Zeit, als seine Tochter noch ein kleines Mädchen war, das ab und zu bockig und ungezogen daherkam, wenn es seinen Willen nicht durchsetzen konnte. Es trat den Vater. Heute betrachtet der Vater den Vorfall aus sprachlicher Sicht und fragt: „Meine Tochter tritt ‚mich‘. Aber: Sie tritt ‚mir‘ vors Schienbein. Warum steht ‚treten‘ einmal mit dem Akkusativ und einmal mit dem Dativ?“

Vielleicht sollten wir die Bemerkung einflechten, dass die Kleine trotz aller antiautoritären Toleranz keinesfalls das Recht hat, ihren Vater zu treten – und das weder im 3. Fall (Dativ) noch im 4. Fall (Akkusativ). Wenn wir den kindlichen Tritt jedoch rein grammatisch betrachten, ist es egal, ob er im Dativ oder im Akkusativ erfolgt. Beide Kasus (Fälle) sind in diesem Kontext (Zusammenhang) richtig.

Die Tochter hat ihn (wen?) getreten. Hier ist nur der Akkusativ möglich. Wird „treten“ jedoch im Sinn von „mit dem Fuß treten“ auf einen Körperteil bezogen, dann kann der Getretene im Dativ oder im Akkusativ bezeichnet werden (er tritt ihm oder ihn auf den Fuß). Der Dativ ist üblicher. Wird „treten“ aber im Sinn von „an eine Stelle gehen oder gelangen“ gebraucht, dann darf nur der Dativ stehen: Die Tränen traten „mir“ in die Augen.

Vielleicht halten Sie den Bezug des Wortes „treten“ auf die Berührung eines Körperteils für etwas abwegig, weil weitaus wichtigere Fragen im Hinblick auf dieses Verb zu beachten sind. Das „Große Wörterbuch der deutschen Sprache“ kennt 18 Bedeutungen mit teils abweichenden grammatischen Folgen für „treten“. Als Muttersprachler haben wir die Unterschiede wahrscheinlich „mit der Muttermilch“ eingesogen, aber was soll jemand machen, der Deutsch als Fremdsprache lernt?

Nehmen wir einmal an, eine Teilnehmerin nimmt das gängige Wörterbuch, den Rechtschreibduden, zur Hand und findet unter „treten“ folgenden Eintrag: du trittst; du tratst (tra-test); du trätest; getreten; tritt!; er tritt ihn (auch: ihm) auf den Fuß.

Wir dürfen annehmen, dass es sich um die Wortart Verb handelt. Verben heißen auf Deutsch Zeitwörter, weil sie in die verschiedenen sprachlichen Zeiten wie Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft gesetzt werden können. Manche Leute sprechen auch von Tätigkeitswörtern, da ein Tritt ja eine Tat ist. Verben werden stets als Infinitiv im Wörterbuch gesucht. Der Infinitiv ist die Grundform, in der im Duden das Wort alphabetisch aufgeführt wird, die uns im Text aber seltener begegnet. Ferner scheint es sich um ein starkes Verb zu handeln, das die Eigenschaft hat, den Stammvokal zu ändern (Ablaut): Er trat, nicht etwa er „tretete“. In der 2. und 3. Person taucht sogar ein „i“ auf: du trittst, er tritt. In diesem Fall haben wir es nicht mit einem Ablaut zu tun, sondern mit einem e/i-Wechsel. Der e/i-Wechsel wirkt bis in den Imperativ (Befehlsform), jedoch nur im Singular (Einzahl): „Tritt ein, lieber Schwiegervater!“ Aber: „Tretet ein, liebe Verwandten!“

Der Konjunktiv II (Möglichkeitsform der Vergangenheit) zaubert sogar einen Umlaut hervor: du trätest. Für die indirekte Rede reicht allerdings meistens der Konjunktiv I: Er sagte, er trete dem Verein bei – „träte“ wäre ein Konditional, eine Vorbedingung: Er sagte, er träte dem Verein nur bei, wenn der Beitrag gesenkt werde.

Ach ja, „du tratst/tratest“ kann mit oder ohne Binnen-e gebraucht werden. Es ist gar nicht so einfach, die grammatischen Folgen eines Stichworts im Rechtschreibduden zu verstehen!