Deutschstunde

Manche Wörter gehören an den Galgen

Wir sprechen von den langen oder überlangen Zusammensetzungen. Solche Komposita sind ein Sonderfall des Deutschen.

Die Deutschstunde von Peter Schmachthagen.

Die Deutschstunde von Peter Schmachthagen.

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Wer oder was ist eine „Donaudampfschifffahrtskapitänswitwe“? Als Ausdruck handelt es sich um eine Verhunzung der deutschen Sprache, als Zitat um einen Titel in niederbayerischen Todesanzeigen und bei der Wortbildung um ein Konstrukt, in das so viel hineingepresst („kondensiert“) worden ist, dass dieses Maximum an Informationen in einem einzigen Wort nicht mehr in die Zeile passt. Eine solche Überladung ist eher die Aufgabenstellung für das Buchstabenspiel „An den Galgen“, das wir früher als Schüler unter der Bank gespielt haben, wenn der Unterricht zu langweilig war.

Ebenso wenig realen oder gar belletristischen Wert haben Zusammensetzungen wie „Kaminkehrermeisterlehrgangsankündigung“ oder „Gebäudereinigertarifänderung“. Natürlich könnte man auch „Ankündigung eines Vorbereitungslehrgangs für die Meisterprüfung im Handwerk der Kaminkehrer“ schreiben, aber dann brauchten wir drei Zeilen Platz. So drückt sich im Deutschen niemand aus. Die Konstituenten, wie die sprachlichen Einzelteile genannt werden, werden zu einer größeren, noch komplexeren Einheit gekoppelt. Eine solche Zusammenfügung von Kamin + Kehrer + Meister + Lehrgang + Ankündigung nennt man ein Kompositum (Plural: Komposita). Die Komposita tragen in einem einzigen Wort mehrere Informationen in sich. Selbst wenn es grausam klingt – eine solche Wortbildung ist nicht nur erlaubt, sie ist in unserer Muttersprache gang und gäbe.

Das Deutsche ist also eine kompositionsfreudige Sprache. Die meisten Nachbarsprachen sind es nicht, können es auch gar nicht sein, weil ein solcher Wortbau dort nicht üblich und teilweise nicht möglich ist. Im Deutschen hat niemand an der Bezeichnung „Ladenbesitzer“ etwas auszusetzen, und die Paraphrase, die verdeutlichende Umschreibung „Besitzer des Ladens“, ist unnötig lang und benötigt drei Wörter statt eines. Anders gestaltet es sich im Englischen. Dort heißt es „owner of the shop“, meinetwegen auch „shop owner“, womit wir schon bei zwei bis vier Wörtern wären. Nicht nur der Brexit zieht sich im Vereinigten Königreich in die Länge, woran die Members of Parliament beteiligt sind (deutsch: Parlamentsabgeordnete). Das ist a matter of fact (Tatsache). Auf der Insel besucht man kein Einkaufszentrum, sondern ein „shopping center“, und braucht keinen Führerschein, sondern „a driving licence“.

Die Entwicklung des Deutschen zur Kompositasprache begann im 15. und 16. Jahrhundert. Martin Luther bildete Zusammensetzungen genitivischen Ursprungs wie Todesnot („tods not“) oder Gotteslohn („gottes lon“). Philipp von Zesen (1619 bis 1689), der mit seiner Sprachgesellschaft „Teutschgesinnete Genossenschaft“ französische und altsprachliche Fremdwörter ausmerzen wollte, bot als Alternative meist deutsche Komposita an. Aus Kloster sollte „Jungfernzwinger“, aus Harem „Weiberhof“, aus Fenster „Tageleuchter“, aus Mumie „Dörrleiche“ und aus Natur „Zeugemutter“ werden, wurde es aber nicht. Doch viele seiner Vorschläge überlebten ihn und gingen in das deutsche Korpus über.

Wer ein Maximum an Informationen in ein einziges Wort packt („Wachstumsbeschleunigungsgesetz“), muss allerdings aufpassen, dass sich die einzelnen Konstituenten nicht selbst in den Schwanz beißen. Der Rostschutz schützt vor dem Rost, der Frostschutz schützt vor dem Frost, und der Klimaschutz schützt vor dem Klima. Halt, hier stimmt etwas nicht, soweit ich Greta verstanden habe! Der Klimaschutz soll nicht vor dem Klima schützen, sondern das Klima selbst. How dare you, you awful German Language!

Ein Kompositum ist also mehr als eine bloße Aneinanderreihung seiner Einzelteile. Das Kompositum mag die Presswurst unter den Wörtern sein, aber, wie wir wissen, sollte man auch eine Wurst genau betrachten, bevor man sie verspeist.

deutschstunde@t-online.de