Deutschstunde

Zu der Zeit, als das Deutsche seine Vokale verlor

Seitdem ist das „e“ der häufigste Buchstabe in unserer Sprache. Wir pressen vorn und nuscheln hinten im Wort.

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Si tacuisses, philosophus mansisses. Dieses Zitat kann man klassisch korrekt mit „Hättest du geschwiegen, wärest du ein Philosoph geblieben“ übersetzen – oder etwas freier und flapsiger als „Hättest du die Klappe gehalten, hätte niemand gemerkt, wie blöd du eigentlich bist!“ Doch hier geht es nicht um die Sinnsprüche des Boethius, sondern um die Grammatik des Satzes.

Es fällt auf, dass bei der Konjugation, bei der Beugung der Verben, im Lateinischen keinerlei Personalpronomen („du“) oder Hilfsverben („haben“) gebraucht werden. Alle Angaben zur Person, zur Zeit, zur Art und Weise sowie zur Tätigkeitsform stecken im Stamm und vor allem in der Endung eines einzigen Wortes. Auch die Deklination, die Beugung der Nomen, kommt ohne bestimmten oder unbestimmten Artikel („ein“) aus. Latein ist trotz aller Berührungen und Entlehnungen nicht der direkte Vorläufer des Germanischen. Man könnte auch sagen, die lateinische Sprache ist nicht die Großmutter des Deutschen, sondern eher so eine Art Großtante. Trotzdem müssen wir Latein als Zwischenstufe in der Sprachgeschichte heranziehen, denn die Römer haben eine Fülle von Texten hinterlassen. Die ersten Aufzeichnungen in deutscher Sprache stammen dagegen erst aus der Zeit des Althochdeutschen (750 bis 1050).

Das christliche Glaubensbekenntnis, das sogenannte Credo, lautet auf Althochdeutsch am Anfang folgendermaßen: Kilaubu in kot fater almahticun, kiskaft himiles enti erda. Der Text beginnt mit der Verbform „kilaubu“ („ich glaube“). Die Endung zeigt deutlich, dass es sich um die 1. Person Singular handelt. Ein Personalpronomen war nicht erforderlich. Auch die Deklination kommt ohne einen Artikel aus: „erda“ ist Genitiv („der Erde“).

Im Regelfall wird in den germanischen Sprachen die erste Silbe eines Wortes betont. In anderen Sprachen ist der Wortakzent bis in die Gegenwart hinein viel freier. Wenn man vorn jedoch fast allen Atem verbraucht, bleibt hinten wenig Kraft für den Schluss eines Wortes. Das führte zur Abschwächung der unbetonten Endsilben, die sich danach nicht mehr genügend unterschieden, um die grammatischen Informationen zu tragen. Das Deutsche hat einen Druckakzent, keinen melodischen Akzent. Durch diesen Druckakzent erhält die betonte Silbe ein sehr starkes Gewicht. Die anderen Silben, die sogenannten Nebensilben, verlieren daneben an Bedeutung, ihre vollen Vokale veränderten sich zum sogenannten Schwa-Laut (Schwundstufe), den wir in der Infinitivendung -en hören und der als „e“ geschrieben wird.

Andere Wortarten mussten nun die Aufgabe der Flexion übernehmen. Das zeigt sich beim Übergang zum Mittelhochdeutschen (1050 bis 1350), bei dem das Credo sich so liest: Ich geloube an got vater almechtigen, schepfære himels und der erde. Die Endsilbe des Verbs hatte sich so weit abgeschwächt, dass jetzt ein Pronomen vonnöten war, um die Person zu kennzeichnen. Eine solche Abschwächung der unbetonten Endsilben trat auch bei den Substantiven ein. Aus ahd. „erda“ war mhd. „erde“ geworden. Der Genitiv musste mit einem flektierten Artikel verdeutlicht werden: „der erde“. Als Ergebnis der Abschwächung ergab sich, dass das „e“ heute der mit Abstand häufigste Buchstabe im Deutschen ist. Dabei handelt es sich um kein Naturgesetz, sondern um eine deutsche Besonderheit.

Leider bedeutet das nicht, dass die Konjugation jetzt einfacher ist als im Mittelalter. Wir müssen nun mit mehreren Wörtern und Wortteilen jonglieren. Der Unterschied zwischen starken (unregelmäßigen) Verben, die im Stamm ablauten oder sogar den Konsonanten verändern (wir ziehen – wir zogen – wir haben ge-zog-en) und den schwachen (regelmäßigen) Verben, die im Präteritum ein -t- an den Stamm anhängen (wir sagen – wir sag-t-en, wir haben ge-sag-t) ist nur eine erste Unterscheidung von vielen.

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