Deutschstunde

Am Grabbeltisch der sprachlichen Fundsachen

Nichts Weltbewegendes, aber einige angesammelte Fragen, Regeln und Irrtümer sollen heute aufgeklärt werden.

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Ich habe mir vorgenommen, den Grabbeltisch der sprachlichen Fundsachen ein wenig zu lichten. Es sind keine schwerwiegenden Fehler und Regeln, die sich angesammelt haben, sondern der übliche Bodensatz an Fragen, Irrtümern und Notizen aus der Korrespondenz und der Lektüre der Zeitungen. Allerdings frage ich mich, ob die junge Generation mit einem so verstaubten Ausdruck wie „Grabbeltisch“ überhaupt etwas anfangen kann. Die Antwort müssen wir wohl verschieben, bis in Berlin alle Blockaden beiseite geräumt worden sind.

Als Grabbeltisch bezeichneten und bezeichnen wir einen Verkaufstisch, auf dem eine ungeordnete Menge preisgünstiger Waren zum Verkauf angeboten wird (und an dem nach Eröffnung des Schlussverkaufs früher die Schlacht der Hausfrauen um Unterhosen und Küchenschürzen stattfand). Inzwischen baumeln Schilder mit der Aufschrift „Gadgets“ oder „Sale 60%“ über solchen Angeboten, was wiederum die Jüngeren besser verstehen. „Grammatische Gadgets“ als neuen Anglizismus will ich nun doch nicht kreieren. Bleiben wir beim Grabbeltisch.

Es geht etwa um das Bauchgrimmen eines Lesers, als der in einem Interview las, an der Elbe habe Katharina Fegebank den Entschluss, Hamburger Bürgermeisterin werden zu wollen, sorgfältig „abgewogen“. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Die Bauchschmerzen bezogen sich nicht auf die Möglichkeit, dass eine Grüne den Chefsessel im Rathaus erobern könnte, sondern auf das Partizip „abgewogen“. Abgewogen würden Mehl und Kartoffeln, meinte der Einsender, Gründe und Entscheidungen hingegen müssten „abgewägt“ werden. Sie können, aber sie müssen nicht. Das Verb „abwägen“ kann sowohl stark als auch schwach flektiert werden, wobei „abgewogen“ das gebräuchliche Partizip II ist.

Ja, bei „gern“ und „gerne“ sowie „selbst“ und „selber“ sind jeweils beide Formen korrekt. Ja, die Kurpfalz kann bei Heidelberg „geortet“, aber nicht „verortet“ werden. „Orten“ bedeutet „die Lage von etwas ermitteln, bestimmen oder ausmachen“, „verorten“ ist dagegen ein Begriff der Soziologie mit der Bedeutung „einen festen Platz in einem bestimmten Bezugssystem zuweisen“. Ja, fachsprachlich gibt es die Plurale „Bedarfe, Verbräuche, Milche“ etc. und sogar den Singular „das Elter“ (ein Elternteil). Nein, die geplante Überlandleitung soll nicht „überirdisch“ (mit Gottes Hilfe?) verlaufen, sondern „oberirdisch“.

Die Meldung „Der 63-jährige Oberstudienrat geht in Pension“ ist falsch. „-jährig“ bezeichnet eine ununterbrochene Dauer, der Lehrer war aber nicht seit 63 Jahren Oberstudienrat. Richtig ist: „Der 63 Jahre alte Oberstudienrat wird pensioniert“ oder „Der 63-Jährige verabschiedet sich in den Ruhestand“.

Es heißt „der“ Pin, wenn es sich um einen Verbindungsstift oder einen Kegel handelt, aber „die“ PIN als Persönliche Identifikationsnummer.

Der neue Geschäftsführer wollte die Inschrift „Herzlich willkommen“ über der Tür in „Herzlich Willkommen“ ausbessern lassen. Ich machte ihm klar, dass es sich dabei um keine Ausbesserung, sondern um eine Verschlimmbesserung handeln würde. Bei „willkommen“ haben wir es mit einem Adjektiv zu tun, und Adjektive schreibt man klein. Um zum großen „W“ zu gelangen, müsste er den Gruß substantivieren: „Ein herzliches Willkommen“.

In einem sonst fehlerfreien Kommentar las ich: „[Die Fußballfans wurden in der Türkei von der Polizei] in einer Weise schikaniert, die ihres Gleichen sucht.“ Diese Schreibweise ist überaus kreativ, aber falsch. „ihresgleichen ist ein indeklinables Pronomen, und Pronomen werden ebenfalls kleingeschrieben: Sie pflegt nur Kontakte mit ihresgleichen; solchen Leuten wie ihresgleichen ist nicht zu trauen. Bezieht sich das Wort jedoch auf eine mit „Sie“ anzuredende Person, so wird großgeschrieben: Für Sie, Frau Müller, und Ihresgleichen dürfte das eine Kleinigkeit sein.

deutschstunde@t-online.de