Kolumne

Hunderte tote Fliegen auf dem Küchenschrank

Oder „toter Fliegen“? Sie sind schneller weggefegt als flektiert. Wann schreibt man eigentlich tausende, wann Tausende?

Peter Schmachthagen  schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache.

Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache.

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Heißt es eigentlich „Mutter fand Hunderte toter Fliegen auf dem Küchenschrank“ oder „Mutter fand Hunderte tote Fliegen“? Und wie steht es mit der Wendung „Sie fegte Hunderte von toten Fliegen zusammen“? Die Antwort ist einfach: Korrekt sind alle drei Beispiele. Doch welche Möglichkeit ich in meinen Kolumnen auch wähle, es gibt immer Leserinnen und Leser, die eine der beiden anderen Konstruktionen für die einzig richtige halten und mir eine Schilderung ihrer vermeintlichen Erkenntnisse aus dem Deutschunterricht zur Adenauer-Zeit mailen.

Das Gezählte kann im Genitiv stehen, wenn es durch ein Adjektiv näher bestimmt ist. Dann handelt es sich um den sogenannten Genitivus partitivus: Befragt wurden Hunderte „alteingesessener“ Bewohner. Der Protest einiger Hunderte „randalierender“ Gelbwesten legte Paris lahm. Diese Konstruktion ist heute allerdings selten. Der Genitiv gilt bewusst oder unbewusst zwar als die hochsprachliche Variante, ist hier aber nicht nötig.

Häufiger wird der Dativ mit „von“ verwendet. Dabei ist es gleichgültig, ob das Gezählte durch ein Adjektiv näher bestimmt ist oder nicht: Die Polizei kontrollierte „Hunderte von“ (vermummten) Demonstranten. Die Anfeuerungsrufe von „Hunderten von“ (mitgereisten) Union-Anhängern konnten die Partie nicht mehr wenden. Diese Version ist heutzutage die gängigste.

Oft wird auch das appositionelle Verhältnis gewählt. Das Gezählte steht dann im gleichen Kasus (Fall) wie das Zahlsubstantiv: Wir sahen Hunderte „gewaltbereite Ultras“. Der Protest von Hunderten „randalierenden Zuschauern“ führte zum Spielabbruch. Oder, um auf Mutter zurückzukommen: Sie erschrak über „Hunderte tote Fliegen“.

Das Gleiche gilt für „Tausende“, und sowohl Hunderte als auch Tausende können groß- wie auch kleingeschrieben werden (hunderte/tausende). Der Duden empfiehlt Großschreibung. Die Zahlangaben Hundert/hundert und Tausend/tausend werden im Nominativ und Akkusativ Plural mit oder ohne Flexionsendung gebraucht, falls der Kasus durch ein anderes Wort kenntlich gemacht ist: „Viele Hundert“ (oder Hunderte) kamen zur Veranstaltung. „Einige Tausend“ (oder Tausende) demonstrierten vor dem Kanzleramt.

Im Genitiv Plural steht keine Flexionsendung, wenn der Kasus durch ein anderes Wort kenntlich gemacht wird: Die Veranstalter erwarten die Beteiligung „vieler Tausende“. Ist der Kasus nicht durch ein anderes Wort kenntlich gemacht, dann wird die Form immer (adjektivisch) dekliniert: Sie erwarten die Beteiligung „Tausender“.

Nach der alten Druckerregel sollten im Fließtext Zahlen bis zwölf ausgeschrieben, ab 13 jedoch mit Ziffern gesetzt werden. Auch Ihre Geschäfts- und Privatkorrespondenz gewinnt an Substanz, wenn Sie sich daran halten. Allerdings hat sich eingebürgert, „hundert“ und „tausend“ ebenfalls im Wort zu schreiben, und zwar als Zahlwort, das immer unflektiert und meistens in attributiver Stellung auftritt. Zahlwörter schreibt man bekanntlich klein: hundert Schüler, tausend Grüße, mehr als hundert Bücher, an die tausend Anwesenden, der dritte Teil von hundert. Wer wird schon hundert [Jahre alt]? Sie fuhr mit Tempo hundert [Kilometer pro Stunde].

Groß- oder Kleinschreibung ist möglich, wenn „hundert“ (oder „tausend“) unbestimmte, nicht in Ziffern schreibbare Mengen bezeichnet und deshalb als Mengensubstantiv angesehen werden kann: mehrere Hundert/hundert Menschen, einige Tausend/tausend Flaschen, ein paar Tausend/tausend Zuschauer. Auch in diesen Fällen empfiehlt der Duden Großschreibung.

Immer groß schreibt man das Zahlsubstantiv im Sinne von hundert oder tausend Einheiten: ein halbes Hundert, vier vom Hundert (v. H., Prozent). Das dritte Tausend dieser Lieferung wurde beanstandet. Er bestellte fünf Hundert (zu Hunderten abgepackte) Zigarren dieser Sorte.

deutschstunde@t-online.de