Kolumne

Nur bei der Grammatik blühte die Lehrerin auf

Man kann geschlagen werden, und man kann geschlagen worden sein. Beim Passiv unterscheiden wir Vorgang und Zustand.

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Es ist nun bald 70 Jahre her, dass wir auf eine Deutschlehrerin trafen, die promoviert, hager, weißhaarig und in einem Vorkriegskostüm vor die Klasse trat. Es ließ sich nicht übersehen, sie hatte wenig Glück in ihrem Leben gehabt. Genau genommen gab es nur eine einzige Freude, bei der sie auflebte, bei der sich ihr Körper straffte und ihre Augen zu leuchten begannen: bei der Grammatik.

Es war nicht so, dass die 64 Jahre alte Studienrätin die Kinder mit der Grammatik quälen wollte, im Gegenteil, sie glaubte, den Schülern einen Sprachbonbon nach dem anderen zu servieren. Das hörte sich etwa so an: Die Verben „biegen“ und „beugen“ bedeuten nicht dasselbe, obwohl bei beiden die idg. Wurzel *bheug[h] zugrunde liegt wie auch bei Bogen, Bügel oder Bucht; beugen ist das Veranlassungswort (Kausativ) zu biegen und heißt eigentlich „biegen machen“.

Die Lehrerin merkte in ihrem Eifer gar nicht, dass die Klasse längst abgeschaltet hatte. Versuchen wir es also noch einmal: „biegen“ und „beugen“ bedeuten, etwas in eine andere Form bringen. Beim Biegen wird ein Gegenstand gekrümmt, beim Beugen wird die Grundform eines Wortes verändert. Ein Draht oder ein Blech wird gebogen, ein Substantiv kann jedoch nur stark, schwach oder gemischt gebeugt werden. Bleche und Drähte sind flexibel (biegsam), auch Substantive, Adjektive, Pronomen, Artikel, Zahlwörter und natürlich die Verben sind es. Sie können gebeugt oder flektiert werden. Statt des etwas unscharfen deutschen Ausdrucks „Beugung“ benutzt man heute im Allgemeinen den Fachbegriff „Flexion“. Werden diejenigen Wortarten flektiert, die Kasusformen bilden (früher als „Nomen“ zusammengefasst, worunter wir jetzt jedoch nur die Substantive verstehen), sprechen wir von der Deklination. Die Formenbildung der Verben heißt demgegenüber Konjugation.

Während die Deklination noch überschaubar ist, weil die ersten Buchstaben eines Wortes meist gleich bleiben (der Mensch, des Menschen), kann sich jemand, dessen Muttersprache nicht Deutsch ist, leicht im Irrgarten der Konjugation verlaufen. Woher sollte er auch wissen, dass die Formen „bin, ist, sind, war, wäre, gewesen“ unter dem Infinitiv (der Grundform) „sein“ nachgeschlagen werden müssen?

Greifen wir als Beispiel einmal die Handlungsart des Verbs (Genus Verbi) heraus. Wenn wir die Frage stellen können: Tut eine Person etwas?, so haben wir es mit dem Aktiv zu tun: „Er schlägt.“ Wird hingegen etwas getan, so befinden wir uns im Passiv, in der Leideform: „Er wird geschlagen.“

Passiv ist allerdings nicht gleich Passiv. Man kann leiden, und man kann gelitten haben. „Fritz wird geschlagen“ bezeichnet das Vorgangspassiv und besagt, dass der kleine Kerl in diesem Augenblick durchgeprügelt wird. „Fritz ist geschlagen worden“ zeigt jedoch an, dass der Vorgang des Schlagens abgeschlossen ist und der Junge in der Ecke hockt und heult. Um das auszudrücken, benutzen wir das Zustandspassiv.

Das Vorgangspassiv, das eine Handlung in ihrem Verlauf bezeichnet, wird mit dem Hilfsverb „werden“ gebildet: „Das Fenster wird geöffnet.“ Das Zustandspassiv zeigt hingegen das Ergebnis einer Handlung an, und dazu benötigen wir das Hilfsverb „sein“: „Das Fenster ist geöffnet worden.“ Beim Vorgangspassiv darf von der Perfektform „ist … worden“ das „worden“ nicht weggelassen werden. Ein solches scheinbares Zustandspassiv gilt standardsprachlich als falsch. Nicht: „Die Sperre ist heute wieder aufgehoben“, sondern: „Die Sperre ist heute wieder aufgehoben worden.“

In Norddeutschland wird häufig das Zustandspassiv gebraucht, wenn gar kein Ergebnis, sondern die Handlung in ihrem Verlauf dargestellt werden soll. Auch das ist nicht korrekt! Es heißt nicht: „Alle Mitglieder sind gebeten, pünktlich zu sein.“ Richtig wäre: „Alle Mitglieder werden gebeten, pünktlich zu sein.“

deutschstunde@t-online.de