Kolumne

Eine Koalition muss nicht immer groß sein

Ob solch ein Bündnis groß- oder kleingeschrieben wird, hat nichts mit seinen Taten zu tun, sondern mit der Orthografie.

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Noch haben wir, niemand weiß wie lange, eine „große“ Koalition. Oder handelt es sich sogar um eine „Große“ Koalition? Ob wir das Zusammengehen von Union und SPD als groß bezeichnen können, also als erfolgreiches politisches Bündnis, ist stark umstritten. Ob wir es jedoch großschreiben müssen (mit dem Großbuchstaben „G“), ist eine Frage der Orthografie.

Eine Koalition (zu lat. coalescere „sich vereinigen“) ist laut Wörterbuch ein „zum Zweck der Durchsetzung gemeinsamer Ziele geschlossenes Bündnis“. Eine große Koalition bezeichnet den Zusammenschluss der beiden Parteien mit den meisten Sitzen im Parlament. Es handelt sich nicht um eine Große Koalition, weil sie große Taten vollbringt, sondern darum, ob es sich um ein bestimmtes, zeitlich und personell eindeutig zuordenbares Bündnis handelt – oder aber um eine angedachte Möglichkeit.

Bis zum Jahre 2005 war die Unterscheidung eindeutig. Die Notstandsgesetze waren das Erbe der „Großen Koalition“. Damit war die Regierung Kiesinger/Brandt (1966 bis 1969) gemeint. Inzwischen hat Angela Merkel die SPD dreimal in die Regierung gelockt und sitzt jetzt wieder einer bestimmten Großen Koalition vor.

Als Eselsbrücke sei angeboten: Mit unbestimmtem Artikel schreiben wir „eine“ große Koalition klein, mit bestimmtem Artikel schreiben wir „die“ Große Koalition groß. Eine „große“ Koalition ist in Sachsen nach der Wahl nicht mehr realisierbar (klein, eine mögliche), während die „Große“ Koalition im Bund um Klima und Bestand kämpft (groß, eine bestimmte).

Überhaupt richtet sich die Groß- oder Kleinschreibung von Adjektiven in namenähnlichen Wörtern und Fügungen danach, ob es sich um einen bestimmten Begriff, Gegenstand bzw. eine genau definierte Art handelt – also quasi um ein Unikat – oder um eine austauschbare und nicht näher einzugrenzende Bezeichnung.

Ein schwarzes Brett ist zuallererst einmal ein Brett, das schwarz gestrichen ist. Ursprünglich bezog sich die Benennung auf eine Tafel in Wirtshäusern, auf der angekreidet wurde, was der einzelne Gast zu zahlen hatte. Später verstand man unter einem schwarzen Brett allgemein eine Tafel für Anschläge und Bekanntmachungen.

Wenn es sich jedoch um ein bestimmtes „Schwarzes Brett“ zum Beispiel in einer Schule oder Firma handelt, das heutzutage gar nicht mehr schwarz und nicht mehr aus Holz zu sein braucht, schreiben wir groß: Die genaue Urlaubsregelung wird morgen am Schwarzen Brett angeschlagen werden, nämlich an der bekannten Tafel links vom Eingang im Erdgeschoss.

Obwohl die Dudenredaktion seit ihrem Umzug von Mannheim nach Berlin immer populistischer wird und manche Empfehlung, die sie selbst jahrzehntelang zäh verteidigt hat, nun aufweicht, sollten wir uns an folgende Regelungen halten: Wir werden am 1. Januar zwar ein neues Jahr beginnen, aber das erleben wir alle Jahre wieder.

Das ist nichts Besonderes und nichts Einmaliges. Deshalb sollten Sie Ihren Freunden ein gutes, gesundes „neues Jahr“ korrekterweise mit kleinem „n“ wünschen. Es gibt viele Abende im Jahr, aber nur einen einzigen und deshalb großgeschriebenen „Heiligen Abend“ am 24. Dezember. Falls Sie als Erster an einen Unfallort kommen, leisten Sie „erste Hilfe“, bis der Rettungswagen eintrifft.

Wenn Sie diese Erstversorgung jedoch fachlich lernen wollen, belegen Sie einen Kursus in „Erster Hilfe“. Es gibt viele gelbe Karten, aber nur spezielle „Gelbe Karten“, die der Schiedsrichter aus der Brusttasche zieht und dem Fußballspieler vor die Nase hält. Klein schreibt man das große Latinum, den italienischen Salat, den westfälischen Schinken oder die russischen Eier. Ihre Kinder besuchen eine technische Universität, studieren aber an der Technischen Universität Berlin.

Ein „Runder Tisch“ mit großem „R“ ist ein Kreis gleichberechtigter Personen, die nicht unbedingt an einem runden Tisch mit kleinem „r“ sitzen müssen.

deutschstunde@t-online.de