Deutschstunde

Wie aus Julius Caesar ein russischer Zar wurde

Peter Schmachthagen über Geburtstage, Dekaden und Lehnwörter aus dem Lateinischen.

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Foto: dpa/ Klaus Bodig

„Geburtstag“ bedeutet nicht „Tag der Geburt“, sondern „Jahrestag der Geburt“. Seinen ersten Geburtstag feiert man also, wenn man ein Jahr alt ist. Der Tag, an dem jemand 50 Jahre alt wird, ist dessen 50. Geburtstag. Es würde auch ziemlich verwirrend klingen, wenn er bei der Vollendung seines 50. Lebensjahres eine Feier anlässlich seines 51. Geburtstags veranstaltet hätte. Eine hochbetagte Dame, die 107 Jahre alt geworden ist, erlebt an diesem Tag ihren 107. Geburtstag – und nicht etwa ihren 108., wie ein Leser der Redaktion glaubte mitteilen zu müssen.

Es ist immer gefährlich, Tage, Jahre, Jahrhunderte oder gar Jahrtausende an den Fingern abzuzählen. Klein Gustav beginnt mit eins und endet mit zehn, eine Dekade startet jedoch bei null. Eine Dekade ist die Gesamtheit von zehn Einheiten, ein Jahrzehnt ist der Zeitraum von zehn Jahren. Das erste Jahrzehnt des dritten Jahrtausends begann am 1. Januar 2000 um 0.00 Uhr und endete am 31. Dezember 2009 um 24 Uhr.

Papst Gregor XIII. ließ zehn Tage einfach ausfallen

Obwohl wir zu Weihnachten eigentlich der Geburt Jesu Christi gedenken, sollten wir uns hüten, die Niederkunft Marias auf die Sekunde genau festlegen zu wollen. Dazu enthält die historische Chronologie (die Wissenschaft von der Zeitrechnung und ­-messung) zu viele Ungenauigkeiten, Rechenfehler und Korrekturen. Papst Gregor XIII. ließ zehn Tage einfach ausfallen. Auf Donnerstag, den 4. Oktober 1582, folgte unmittelbar Freitag, der 15. Oktober 1582. Diese Zeiteinteilung wird „gregorianischer Kalender“ genannt (mit kleinem „g“). Sie löste den „julianischen Kalender“ ab, den Caesar 46 v. Chr. eingeführt hatte und der nach seiner Familie, der Gens Julia, benannt worden war (wie übrigens auch der Monatsname Juli).

Der gregorianische Kalender setzte sich in nicht katholischen Ländern allerdings nur zögernd durch. Teilweise galt in orthodoxen Staaten der julianische Kalender, der seit dem Jahr 1900 eine Differenz von 13 Tagen zur gregorianischen Norm aufweist, bis nach dem Ersten Weltkrieg. Übernommen wurde danach nur der Kalender, aber nicht die­ julianische Feiertagsberechnung. Wundern Sie sich also nicht, wenn in Ihrer Straße mit hohem Migrantenanteil das orthodoxe Weihnachtsfest erst am 7. Januar gefeiert werden wird.

Zahlreiche Lehnwörter aus dem Lateinischen

So beeinflusst Gaius Julius Caesar unser Leben bis auf den heutigen Tag. Das älteste Lehnwort aus dem Lateinischen geht auf seinen Namen zurück, das Wort „Kaiser“ in der Bedeutung „Herrscher des Römischen Reiches“. Dass die Bezeichnung sehr früh ins Germanische gelangt ist, zeigt die Aussprache des anlautenden „c“ als „k“ und des „ae“ als „ai“. Die Aussprache von „c“ als Zischlaut wurde erst im 5. Jahrhundert üblich. Zu der Zeit erreichte das Wort auch den slawischen Sprachraum, wo mit dem ts-Anlaut aus Caesar der Herrschertitel „Zar“ entstand.

Die Begegnung der Germanen mit der römischen Kultur an Donau und Rhein hat eine Welle von Lehnwörtern in unsere Sprache gebracht. Ein Lehnwort ist ein aus einer fremden Sprache übernommenes Wort, das sich in Aussprache, Schreibweise und Flexion der übernehmenden Sprache angepasst hat – zum Beispiel „Mauer“ aus lat. murus,„Fenster“ aus fenestra oder „Kammer“ aus camera. Auch die römische Sitte des Weintrinkens bereicherte den germanischen Wortschatz, so mit „Most“ („junger Wein“) von lat. mustum, „Winzer“ von vinitor oder „Kelch“ von calix.

Wörter tummeln sich gern in fremden Sprachen. So wie es Entlehnungen gibt, so gibt es allerdings auch Rückentlehnungen,bei denen die Wörter nach einer Rundreise durch Europa wieder in ihr Heimatland zurückkehren. Ein Beispiel: Das germ. *salaz (aus einem Raum bestehendes Haus der Germanen) gelangte über das ital. sala als salon ins Französische, um nach längerem Auslandsaufenthalt als „Salon“ heimzukommen.

deutschstunde@t-online.de