Deutschstunde

Manche Wörter lauten nicht, aber sie lauten ab

Es gibt starke Verben, es gibt schwache Verben, und der Ablaut ist nur ein Teil der verwirrenden Vielfalt der Formen.

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Fatma liebt Deutschland, aber nicht die deutsche Sprache. Zwar kann sie sich im Alltag inzwischen einigermaßen verständigen, aber der Deutsch-Kursus, den sie nach wie vor besucht, bereitet ihr immer größere Schwierigkeiten. Ihr Arbeitgeber hat ihr ein Rechtschreibbuch geschenkt. Mit einem Rechtschreibduden kann man als Ausländerin jedoch kein Deutsch lernen. Die Stichwörter erscheinen streng alphabetisch stets in der Grundform. Als Fatma mit den Kindern der Gastfamilie „Mensch ärgere dich nicht!“ spielte, sagte der Hausherr gewollt hochsprachlich im 2. Konjunktiv: „Würfest du endlich eine Sechs, könntest du das Spiel beginnen.“

Was heißt „würfest“? Wahrscheinlich abgeleitet von der Grundform (dem Infinitiv) „würfen“, dachte Fatma, und schaute an der entsprechenden Stelle im Wörterbuch nach. Dort stand aber nur „würfeln“, was zum Würfelspiel passte, aber nicht gemeint war. Sie hätte zurückblättern und bei „werfen“ nachsehen müssen.

Im ausführlicheren „Deutschen Universalwörterbuch“ bekäme sie weitergehende Hinweise und zudem etwas zur Semantik (Bedeutung): „mit drehend geschwungenem Arm schleudern“. Aha, wenn die Hündin Junge wirft, schleudert sie ihre Welpen also aus dem Korb? Nein, „werfen“ heißt dann „gebären“. Das gilt aber nur für Tiere. Menschenkinder werden nicht geworfen, sondern geboren.

Das „hat“ bedeutet, dass das Perfekt und Plusquamperfekt (vollendete Gegenwart bzw. Vorvergangenheit) mit dem Hilfsverb „haben“ gebildet werden, nicht mit dem Hilfsverb „sein“: Sie „hat (hatte)“ den Ball ins Tor geworfen. Das gilt allerdings nicht für das Passiv (Leideform): Sie „ist“ ins Wasser geworfen worden.

Nun zu <st. V.>. Das „V.“ steht für „Verb“. Unsere Lehrerin hatte eine pragmatische Erklärung parat: Alles, was ihr anfassen könnt wie Wand, Haus, Bank oder Tafel, ist ein Hauptwort und wird großgeschrieben, alles was ihr tut wie lesen, schreiben, laufen oder reden, ist ein Tuwort und wird kleingeschrieben. Statt Hauptwort sagen wir heute Substantiv oder Nomen, statt Tuwort heißt es Verb.

"Starke Verben" sind unregelmäßige Verben

Und ein <st. V.> ist ein „starkes“ Verb. Im Mittelpunkt des germanischen Erbwortschatzes steht ein System dieser starken Verben, die ihre Vergangenheitsformen aus sich selbst heraus bilden können, ohne eine Flexionsendung anhängen zu müssen (er friert – er fror). Jacob Grimm, der nicht nur Märchen erzählte, sondern auch ein bedeutender Sprachwissenschaftler war, nannte diese Gruppe in romantischer Verklärung „starke Verben“. Die Bezeichnung „unregelmäßige Verben“ wäre richtiger gewesen. Regelmäßige Verben, die ihre Vergangenheitsformen mithilfe eines angehängten „-t“ bilden (er sagt – er sag-te), sind dementsprechend die „schwachen Verben“. Kaum eine Form erscheint im Infinitiv, in der Grundform. Die Beugung der Verben ist, zumal für Ausländer, kompliziert und verwirrend und hat einen eigenen Namen: die „Konjugation“, während die auch nicht einfache Beugung von Substantiven und Adjektiven „Deklination“ genannt wird.

Bei den starken Verben wechselt der Stammvokal; er „lautet ab“. Wir haben es also mit einem „Ablaut“ zu tun (werfen – warf – geworfen). Damit sind die Vokale „e“, „a“ und „o“ bereits untergebracht. Bei der Substantivierung in „Wurf“ wird auch das „u“ verbraucht. Sogar das „i“ findet seinen Platz: Bei einigen Verben tritt nämlich ein sogenannter „e/i-Wechsel“ ein: ich werfe – du wirfst; wirf! Das Partizip II wird mit „ge-“ und „-en“ gebildet (stehen – ge-stand-en), bei den schwachen Verben hingegen mit der Endung „-t“ (sagen – ge-sag-t). Zudem gibt es außer dem Ablaut teilweise einen Konsonantenwechsel im Stamm: Bei ziehen – zog – gezogen verwandelt sich das „h“ in ein „g“.

Nicht verzweifeln! Wer eine gute Deutsche werden will, muss sich durch die Grammatik kämpfen wie durch den Hirsebrei auf dem Weg ins Schlaraffenland.

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