Kolumne

Schweizer Käse für böhmische Dörfer

Oder: Der Unterschied zwischen westfälischem Schinken und Westfälischem Frieden reicht bis ins Wörterbuch.

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Eisbein mit Sauerkraut und Erbspüree mag man mögen oder nicht, aber man wird ihm beim Besuch der Bundeshauptstadt als deutsche und vor allem „Berliner“ Spezialität nicht so leicht entgehen können. Oder heißt es „berlinische“ Spezialität? Das können Sie halten wie Bolle beim Zug durch die Gemeinde. Uns geht es nicht um die Bezeichnung, sondern um die Schreibweise. Warum wird „Berlin-er Spezialität“ großgeschrieben, „berlin-ische Spezialität“ jedoch klein?

Die von geografischen Namen abgeleiteten und nicht flektierbaren Adjektive auf -er schreibt man immer groß: Leipziger Straße, Wiener Schnitzel oder Schweizer Käse. Dagegen gilt für die flektierbaren Adjektive auf -isch die Kleinschreibung: böhmische Dörfer, chinesische Seide oder schwäbische Kochkunst – es sei denn, es handelt sich um einen Eigennamen. Eigennamen sind Unikate. Man schreibt sie groß: Holsteinische Schweiz oder Bayerischer Wald. Deshalb heißt es „westfälischer Schinken“ (allgemein), aber „Westfälischer Frieden“ (Eigenname).

Man schreibt Komposita mit einfachem geografischen Namen zusammen: Nildelta, Havelufer, Rheinfall, Großglocknermassiv. Mehrgliedrige Fü­gungen müssen gekoppelt werden: Dortmund-Ems-Kanal, Kaiser-Franz-Joseph-Land. Falls ein großgeschriebenes und nicht flektierbares Adjektiv die geografische Lage bezeichnet, stehen die Wortteile getrennt: Tiroler Alpen, Rostocker Hafen oder Lüneburger Heide. Weiter im Süden sind auch Zusammenschreibungen üblich: Wienerwald, Vierwaldstättersee und Böhmerwald.

Ein Bindestrich steht bei Länder- oder Ortsnamen in adjektivischer Verbindung auf -isch: Spanisch-Guinea, Französisch-Guayana und Britisch-Kolumbien. Allerdings weicht die behördliche Schreibung in Deutschland teilweise ab: Bergisch Gladbach, Schwäbisch Hall. Demnach auch „Bayrisch Zell“? Mitnichten! Die Bayern tanzen aus der Reihe und schreiben „Bayrischzell“. Bei dieser Gelegenheit möchte ich Sie auf eine lexikalische Delikatesse hinweisen, auf das getrennt geschriebene und ungekoppelte Königs Wusterhausen. Dieses Städtchen südöstlich von Berlin hat seine nach dem Preußenkönig Friedrich I. gebildete Schreibweise bisher gegen jede Staatsform verteidigt und sogar die DDR überlebt.

Die Wörter „Sankt“ und „Bad“ stehen vor geografischen Namen getrennt und ohne Bindestrich: das Nachtleben auf St. Pauli, das Wirken in Bad Oeynhausen. Jetzt brauche ich einen Trommelwirbel, um mit brutaler Deutlichkeit einen Fehler anzukreiden, der immer wieder gemacht wird: In einem mehrgliedrigen Kompositum werden alle (alle!) Glieder durchgekoppelt. Es heißt in der Langform der 1.-FC-Union-Berlin-Vorsitzende, die St.-Katharinen-Grundschule oder das Groß-Berlin-Gesetz. Hier geht es nicht darum, wie Sekretärinnen oder Plakatmaler die eigene Institution gerade schreiben, sondern wie sie nach amtlichem Regelwerk geschrieben werden muss.

Ein seinerseits aus geografischen Namen zusammengesetzter geografischer Name wird mit Bindestrich geschrieben: Berlin-Lichterfelde, Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz. Bei Kopplung mit einem anderen Ortsnamen wird allerdings nur ein Bindestrich zwischen beide Namen gesetzt: Stuttgart-Bad Cannstatt, während andere zusammengesetzte Namen penibel durchgekoppelt werden müssen, etwa Johann-Wolfgang-von-Goethe-Platz.

Komposita aus geografischem Namen und adjektivischem Zweitglied schreibt man zusammen und klein: europatreu, moskaufreundlich oder berlingeprägt. Ortsnamen sind im Allgemeinen Neutra: „das“ schöne Berlin. Unbegleitete Ortsnamen bekommen im Genitiv ein -s: oberhalb Berlins. Stehen Ortsnamen mit Artikel und Attribut, kann das Genitiv-s weggelassen werden: „Berlins“ Wiederaufbau, aber der Wiederaufbau des zerstörten „Berlin“.

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