Kolumne

Streit der Sprechsilben mit den Sprachsilben

Die Frage ist, an welcher Stelle ein Wort getrennt werden soll oder getrennt werden darf. Hin und über ist nicht immer ein Hin-über.

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Deutschstunde mit Peter Schmachthagen

Foto: dpa/ Klaus Bodig

In Ost und West wird in Schule und Kita vom Schweinefleisch über das Weihnachtsfest bis hin zur deutschen Sprache so manches abgeschafft, nur eines nicht: der Rand im Heft. Irgendwann stößt jede Zeile an ihr Ende. Selten schaffen wir es, sie so vollzuschreiben, dass ein Wort am Zeilenende mit dem letzten Buchstaben genau hineinpasst. Im anderen Fall müssen wir das Wort zerlegen. Wir müssen es trennen.

Häufig gibt es sogar einen quasi amtlichen Rand im Heft, einen weißen, durch einen deutlichen senkrechten Strich abgeteilten pädagogischen Sperrbezirk auf jeder Seite, den ein Schüler nicht beschreiben darf. Also bemühten wir Schüler uns, mit der Zeile auszukommen. Gelang das nicht, änderten wir am Rand den Kurs um 90 Grad und beendeten das Wort über drei Reihen nach oben oder unten. Aber auch das wurde beanstandet, sodass wir uns mit der Silbentrennung auseinandersetzen mussten.

Halt, schon dieser Ausdruck ist falsch! Getrennt werden keine Silben, getrennt werden Wörter. Deshalb lautet der korrekte Begriff „Worttrennung“. Ein Wort ist die kleinste sinntragende Einheit unserer Sprache, aber es ist wie das Atom nicht unteilbar. Es besteht aus einzelnen Silben und eine Silbe aus einzelnen Buchstaben. Es gibt Wörter mit nur einer Silbe wie Eis, Maus oder Kind. Diese Wörter können nicht getrennt werden. Ansonsten teilen wir die Wörter in den Fugen zwischen zwei Silben ab – aber nicht immer.

Die Silbe ist die Zusammenfassung aus einem oder mehreren aufeinanderfolgenden Lauten (Phonemen), die sich in einem Zuge aussprechen lassen. Insoweit handelt es sich um eine Sprechsilbe. Leider deckt sich eine solche Sprechsilbe häufig nicht mit der Einteilung eines Wortes in seine bedeutungstragenden Bestandteile, in die sogenannten Morpheme, die die Schreib- oder Sprachsilben bilden.

Wo trennen wir nun? Wenden wir heute die syllabische Worttrennung nach Sprechsilben oder die morphematische Trennung nach Wortbestandteilen an, die vor der Rechtschreibreform obligatorisch war?

Nehmen wir die kurzen deutschen Wörter „hin“ und „über“, die eigentlich auch ein Schüler ohne Mühe erkennen und also als „hin-über“ trennen könnte – könnte, aber schon zu Großvaters Zeiten selten tat. Es hagelte Fehler im Diktat, sodass die Reformer auch die Trennung nach Sprechsilben erlaubten: „hi-nüber“, was mir und den meisten Älteren noch immer einen orthografischen Schock versetzt.

Das Gleiche gilt zum Beispiel für wo-rauf/wor-auf, wa-rum/war-um, da-runter/dar-unter, ei-nander/ein-ander oder wo-rum/wor-um.

Komplizierter war und ist es bei Fremdwörtern, bei denen es sich weit schwieriger gestaltet, die fremdsprachigen Morpheme zu erkennen: Ab-itur, an-onym, äs-thetisch, aut-ark, Chir-urg, Ex-amen, Inter-esse, Päd-agogik, par-allel, Hekt-ar, Nost-algie, Vit-amin, Mon-archie, Pull-over, Pseud-onym, Chru-schtschow oder Hämor-rhoiden.

Wie soll ein Grundschüler wissen, dass ein Psych-iater den Weg in die Seele findet, während ein Psy-chologe sich in die Psy-che anderer hineindenken kann? Klein Gustav müsste also erst im Kindergarten das Latinum und Graecum ablegen, bevor er in die 1. Klasse darf, um Deutsch zu lernen.

Heute wird meistens nach Sprechsilben getrennt. Die Textverarbeitungsprogramme trennen so, ebenfalls die Redaktionssysteme, sodass auch die Morgenpost am Zeilenende syllabisch daherkommt. Selbst mein MS Word, mit dem ich zu Hause gerade das Manuskript für diese Kolumne schreibe, weigert sich, die alten Beispiele zu akzeptieren. Der Duden ist da vorsichtiger. Er legt sich nicht fest. Er setzt seine Fugenzeichen nach alter sowie neuer Norm, selbst wenn das wenig kon|s|t|ruk|tiv ist. Sie haben die Wahl!

deutschstunde@t-online.de