Deutschstunde

Wo, bitte schön, ist das Genitiv-s geblieben?

Ein Blick auf die Deklination. Selbst ein kräftiger Junge kann in der Grammatik mit einem Mal ganz schwach sein.

Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache.

Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache.

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Es gibt immer mehr hilfsbereite, aber pädagogisch nicht ausgebildete Privatpersonen, die bundesweit in Kursen verschiedener Organisationen und Vereine versuchen, den Migranten die deutsche Sprache beizubringen. Sie tun das mit Hingabe, geraten dabei jedoch nicht selten in Gefahr, ziemlich hilflos vor den Banalitäten der Grammatik zu stehen, die wir als Muttersprachler von klein auf automatisch aufgenommen haben. Migranten, die sich tapfer durch die Tücken der deutschen Sprache kämpfen, stolpern allerdings leicht über Abweichungen vom gerade Gelernten, die scheinbar oder tatsächlich unlogisch sind.

Es begab sich während eines solchen Kurses irgendwo in Nordrhein-Westfalen, dass eine Syrerin den Satz „Der Hut des Vaters und die Kappe des Jungen sind rot“ genau betrachtete und dann anmerkte, beim Jungen fehle das „s“ im Genitiv (2. Fall), es müsse doch wohl „des Jungens“ heißen. Unsere Aushilfs-Dozentin geriet ins Schwimmen. Was macht man, bevor man in der Grammatik ertrinkt? Man schreibt Peter Schmachthagen eine Mail, der zwar immer wieder betont, Autor und keine Sprachauskunft zu sein, sich jedoch freut, ab und zu helfen zu dürfen. Ich hätte, schrieb sie, vor Kurzem eine Folge über das Genitiv-s veröffentlicht und möge ihr bitte den Link schicken. Sie verwechselte das offenbar mit dem Genitiv-Apostroph bei Eigennamen, die auf einen Zischlaut enden (Grass‘ „Blechtrommel“). Ich bekenne vielmehr, noch nie eine einfache Deklination (Beugung) der Hauptwörter (Substantive) erklärt zu haben.

Das heißt, so einfach ist das gar nicht, vor allem nicht für Ausländer. Ich bitte die formfesten Muttersprachler das Folgende zu überschlagen und sich notfalls so lange mit dem Leitartikel, dem Sudoku oder dem Horoskop zu beschäftigen. Stellen wir uns wie Bömmel in der „Feuerzangenbowle“ einmal „janz dumm“. „Der Vater“ und „der Junge“ sind Substantive, sind beide männlich (Maskulinum), was hier nicht biologisch, sondern grammatisch gemeint ist, und stehen beide im Nominativ (1. Fall) Singular (Einzahl). Mit dem Nominativ allein können wir aber keinen längeren Satz bilden, weil die Zuordnung nicht klar wäre. „Der Vater kauft der Junge der Ball“ ist Babysprache und nicht korrekt.

Wir müssen beim Satzbau (der Syntax) den einzelnen Wörtern also verschiedene Fälle (Kasus, im Plural gesprochen mit langem u) zuordnen, um damit den Bezug der Glieder zueinander und damit den Sinn des Satzes zu verdeutlichen: Der Vater (wer?, Nominativ) kauft dem Jungen (wem?, 3. Fall, Dativ) den Ball (wen oder was?, Akkusativ, 4. Fall).

Die Flexion (Beugung) der Hauptwörter durch die vier Kasus im Singular und Plural (Mehrzahl) nennt man eine Deklination. Das scheint auf den ersten Blick einfach zu sein, zumal hier auch die Artikelwörter mit dekliniert werden und den Kasus anzeigen. Dazu kommen die Flexionsendungen: der Vater, des Vater-s, dem Vater, den Vater; die Väter, der Väter, den Väter-n, die Väter.

Leider ist es ein wenig komplizierter. Das genannte Beispiel entstammt der sogenannten „starken“ Deklination, bei der im Maskulinum und im Neutrum (sächlich) der Genitiv Singular auf -[e]s endet: des Vogel-s, des Bild-es. Doch schon im starken Femininum (weiblich) ist es anders: die Nacht, der Nacht, der Nacht, die Nacht.

Sie vermuten es schon: Wenn es eine starke Deklination gibt, gibt es auch eine „schwache“ Deklination (allerdings nicht im Neutrum). Der Singular der männlichen Substantive außer im Nominativ endet immer auf -en, ebenso im Plural samt Feminina: der Junge, des Jung-en, dem Jung-en, den Jung-en; die Jung-en, der Jung-en, den Jung-en, die Jung-en oder: die Frau, die Frau-en, den Frau-en usw.

Da der Junge zumindest im grammatischen Sinne schwach ist, kann er also kein Genitiv-s besitzen. Die Kappe „des Jungen“ war richtig.

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