Deutschstunde

Menschen aus aller Herren Länder

Oder kommen sie aus aller Herren „Ländern“? Sprache ist, was gesprochen wird, nicht unbedingt das, was gesprochen werden soll.

Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache.

Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache.

Foto: Klaus Bodig

Es stand auf der Seite 1 einer großen norddeutschen Zeitung, und zwar in der Rubrik, in der Menschen „aus aller Herren Länder“ vorgestellt werden. Das stieß auf Protest – nicht die Menschen, aber die Grammatik. Ein Leser belehrte mich, dass die Präposition „aus“ mit Dativ stehen und es deshalb aus aller Herren „Ländern“ heißen müsse. Was ist richtig? Beides ist möglich.

Bis 1934 befahl der Duden strikt die Flexionsendung -ern, danach knickte er ein. Heute empfiehlt er die endungslosen „Länder“, ohne die „veraltende“ Dativ-Form damit für ungültig zu erklären. Ein solcher Sinneswandel wird von der Duden-Redaktion natürlich nicht aus Übermut während der Kaffeepause beschlossen, sondern beruht auf der genauen Beobachtung der Umgangssprache. Sprache ist, was gesprochen wird, nicht unbedingt das, was gesprochen werden soll.

In einem früheren Jahr war in den führenden deutschen Publikationen mehrere tausend Mal „aus aller Herren Länder“ zu lesen, aber nur 124 Mal „aus aller Herren Ländern“. Quantität schlägt Qualität? Mag sein. Wenn es für solche Änderungen der Sprachgewohnheiten noch keine Regel gibt, wird jedes Wörterbuch sich bemühen, schnellstens eine Regel oder eine Entscheidung nachzureichen. Die lautet im Duden Bd. 9 („Das Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle“): In der festen Wendung wird heute im Allgemeinen die endungslose Form „aus aller Herren Länder“ gebraucht.

Als ich dem besagten Leser meine Fundsache mitteilte, bezeichnete er den ganzen Vorgang als ein Stück aus dem Tollhaus. Ich grüble bis heute, ob er damit die Zeitung oder den Duden gemeint hat. Wer sich auf den Duden beruft, gerät leicht in einen ähnlichen Verdacht der Stillosigkeit, als habe er getrüffelte Gänseleberpastete an der Würstchenbude gekauft. Wem die Botschaft nicht passt, der schlägt den Boten. Im Altertum wurde der Überbringer einer schlechten Nachricht einen Kopf kürzer gemacht, heute wird der Duden in die blaue Tonne gewünscht.

Der Duden, und damit ist nicht nur der Rechtschreibduden, sondern die gesamte Duden-Bibliothek gemeint, hat den Vorteil, in jeder Redaktion irgendwo in Deutschland vorhanden zu sein. Um eine Einheitlichkeit der Schreibweisen zu erreichen, kann jeder Redakteur nachgucken, und wir brauchen nicht jedes Mal eine Hauptversammlung einzuberufen, um über eine Dativ-Endung abzustimmen. Natürlich tun wir gut daran, dem Duden nur zögernd zu folgen. Das Alarmzeichen ist die Abkürzung „ugs.“ für „umgangssprachlich“. Erst reden Hein und Gustav so, dann erscheint die Form als „ugs.“ im Duden, der ein existenzielles Interesse daran hat, keine Entwicklung zu verpassen, und schließlich ist sie amtlich.

Ein anderer Leser ist empört, dass im Duden jetzt auch „gewunken“ wird, zwar nicht hochsprachlich, aber „ugs.“ („häufig auch“). Schließlich heiße es nicht „winken, wank, gewunken“, sondern winken, winkte, gewinkt. Weil kürzlich jemand aus der S-Bahn gewunken hat, ist die klare Ansage vonnöten: In Berlin wird nach wie vor gewinkt! Wem das nicht passt, der lasse den Arm unten!

Mit solchen Beispielen ließen sich viele „Deutschstunden“ füllen. Für heute nur noch den Blick auf „scheinbar“ und „anscheinend“, deren Unterschied zu verwässern droht. Wenn die Kollegin „scheinbar“ krank ist, dann macht sie blau, gibt sich nur den Schein des Krankseins und sitzt vor dem Café Kranzler mit einem Cappuccino in der Sonne. Wenn sie aber „anscheinend“ krank ist, dann deutet alles darauf hin, dass es ihr schlecht geht. Wahrscheinlich wird gleich die Krankmeldung eintreffen. So kann ein kleines Wörtchen darüber entscheiden, ob die Geschäftsleitung die fristlose Kündigung aussprechen oder einen Blumenstrauß ans Krankenbett schicken wird.

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