Deutschstunde

Auch Wörter benötigen einen festen Bauplan

Die Grammatik regelt die Konstruktion der Sprache. Doch manchmal geraten selbst Muttersprachler ins Schleudern.

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Foto: Klaus Bodig

Die Grammatik ist die Architektur der Sprache. Sie hält die Konstruktionsvorschriften bereit, nach denen wir die Wörter zu Sätzen verbinden, sodass ein anderer beim Hören oder Lesen den Sinn zuordnen kann, den der Redner oder Schreiber ausdrücken wollte.

Das Wort ist die kleinste sinntragende Einheit der Sprache. Wörter sind symbolische Stellvertreter für etwas, das wir meinen. Mehr als 300.000 Wörter stehen uns im Deutschen zur Verfügung, aber wenn wir sie unverbunden einzeln hintereinander gebrauchen, dann reden wir nicht, dann stammeln wir wie ein Säugling, der seine ersten Laute von sich gibt. Wie die Ziegelsteine einen Bauplan benötigen, damit ein Haus aus ihnen wird, so benötigen auch die Wörter einen solchen Bauplan, damit eine korrekte Rede oder ein korrekter Text entstehen kann.

Ein Architekt muss bestimmte Konstruktionsvorschriften einhalten, damit ihm nicht im wahrsten Sinne des Wortes das Dach auf den Kopf fällt. Auch beim Reden oder Schreiben müssen wir gewisse Konstruktionsvorschriften beachten, um nicht missverstanden, belächelt oder gar ausgelacht zu werden. Bei diesen Vorschriften handelt es sich um die Regeln der Grammatik.

Wer seine Muttersprache in hochsprachlicher Umgebung von Kind auf quasi automatisch aufgesogen hat, wird wenig Schwierigkeiten haben, wer jedoch Deutsch als Fremdsprache lernen muss oder aus einem Elternhaus stammt, in dem kein Deutsch gesprochen wird, der steht vor einem schier unüberwindbaren Wall von grammatischen Fußangeln.

Doch auch als Muttersprachler verfangen wir uns ab und zu in den Tücken des Konstruktionsplans. Das sind die Feinheiten, um nicht zu sagen: die Gemeinheiten der Grammatik. Vor einiger Zeit hatte ich geschrieben, ich hätte schon Lehrer „stottern sehen“. Ein Leser protestierte heftig. Die Form „ich habe gesehen“ werde schließlich mit dem Partizip II gebildet, also müsse es heißen, ich hätte Lehrer stottern „gesehen“. Der Leser irrt. Nach einem Infinitiv ohne „zu“ steht „sehen“ ebenfalls im Infinitiv: Ich habe das Unglück „kommen sehen“. Wer das Unglück kommen „gesehen“ haben will, bewegt sich nicht auf hochsprachlichem Niveau.

Bestimmte Verben mit „haben“-Perfekt erscheinen also, wenn ihnen ein Infinitiv vorangeht, nicht im 2. Partizip, sondern ebenfalls im Infinitiv. In diesen Fällen haben wir es mit dem sogenannten Ersatzinfinitiv zu tun. Die Verben „heißen, lassen“ und „sehen“ stehen (überwiegend) im Ersatzinfinitiv, ebenso die Modalverben „dürfen, können, mögen, müssen, sollen“ und „wollen“: Ich habe „kommen müssen“ (nicht: gemusst). Er hat „feiern dürfen“ (nicht: gedurft).

Wie bei den Modalverben wird auch „brauchen“ nach dem Infinitiv eines Vollverbs nicht im Partizip II, sondern im Infinitiv eingesetzt: Das hättest du nicht „zu tun brauchen“ (nicht: gebraucht); er hätte nicht „zu rufen brauchen“.

Wie mancher Architekt zur Verzweiflung des Bauherrn nicht widerstehen kann, in eine Nische noch eine Nebennische einzubauen, so finden wir leider bei an sich schon komplizierten Grammatikregeln häufig Nebenregeln, die die Vorschriften der Hauptregel wieder aufheben.

Die Syntax, der Bauplan eines Satzes, kann im Deutschen so ausufern, dass die Kenner beim Übergang der Grammatik zum sprachlichen Kunstwerk genüsslich mit der Zunge schnalzen, Fremdsprachler aber aufgeben und lieber englisch reden. Wenn unsere Konstruktionen des doppelten Infinitivs nämlich mit dem „zu“-Infinitiv von „haben“ erweitert werden, heißt es: Kommando zurück! An die Stelle des Ersatzinfinitivs tritt dann wieder das Parti­zip II: Statt „Ich habe ihn laufen lassen“, heißt es jetzt: Ich erinnere mich, ihn „laufen gelassen“ zu haben. Er glaubt, die Frau „weinen gesehen“ zu haben (nicht: „weinen sehen“ zu haben).

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