Deutschstunde

Sätze wie ein grauer Tag im Winterwetter

Erst die Adjektive bringen Farbe in die Sprache, und noch farbiger wird es bei der Bildung von Vergleichsformen. Die Deutschstunde.

Die Deutschstunde von Peter Schmachthagen.

Die Deutschstunde von Peter Schmachthagen.

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Ohne Eigenschaftswörter, fachsprachlich Adjektive genannt, bleibt unsere Sprache so grau und unansehnlich wie der letzte Schnee im März. „Das Mädchen trug ein Kleid.“ Bei einer solch banalen Feststellung wird die Fantasie eher abgeschaltet als angeregt. Es trug ein „rotes“ Kleid. Das klingt schon besser, doch wenn es ein „leuchtend rotes Kleid mit weißen Stickereien“ anhat, steht das Mädchen quasi lebendig vor unserem inneren Auge.

Personen, Lebewesen, Dinge, Sachverhalte usw. können daraufhin verglichen werden, ob und in welchem Maße ihnen eine bestimmte Eigenschaft zukommt. Der Klassenlehrer kann klug, sehr klug, nicht klug, klüger als der Direktor oder am klügsten innerhalb des Kollegiums sein. Durch die Bildung solcher Vergleichsformen werden die Beziehungen und Verhältnisse zwischen Personen und Sachen ausgedrückt. Die Bezeichnung „Steigerung“ (Komparation), die früher üblich war, wird heute durch „Bildung der Vergleichsformen“ ersetzt.

Die meisten Adjektive lassen sich steigern, und zwar in verschiedenem Grade. Man unterscheidet drei Stufen – den Positiv (die Grundstufe, den gleichen Grad: alt, groß, schnell), den Komparativ (die Mehr- oder Höherstufe, den ungleichen Grad: älter, größer, schneller) und den Superlativ (die Meist- oder Höchststufe, den höchsten Grad: älteste, größte, schnellste). Der Komparativ wird durch das Anhängen von -er, der Superlativ von -st oder -est an die Grundform gebildet.

Wir haben diese Formen quasi mit der Muttermilch in unsere Muttersprache aufgenommen. Weit schwerer hat es Fatma, die den Kursus „Deutsch für Ausländer“ besucht und als Erstes über die Umlautung stolpert: nicht „großer“, sondern „größer“, nicht „kluger“, sondern „klüger“. Dann versucht sie einen Satz: „Esin ist meine gute Freundin.“ So weit, so gut. Nun der Superlativ: Esin ist meine „guteste“ Freundin. Nein, Esin ist die „beste“ Freundin. Fatma muss lernen, dass es auch unregelmäßige Vergleichsformen gibt: „gut, besser, beste“ oder „viel, mehr, meiste“.

Fatma versucht es erneut: Ich lese meine Zeitung (was nie schaden kann), denn meine Zeitung ist die „meistgelesenste“ Zeitung in Berlin. Auweia, hier liegt eine unzulässige Steigerung beider Bestandteile vor: „meist“ ist bereits Superlativ, die „meistgelesene“ Zeitung reicht, alles andere wäre überzuckert. Das gilt auch für „höherwertige“ (nicht: höherwertigere) Produkte, die „höchstgelegene“ (nicht: höchstgelegenste) Wohnung, das „bestbewährte“ (nicht: bestbewährteste) Mittel oder das „meistgekaufte“ (nicht: meistgekaufteste) Wörterbuch.

Trotz aller Schluderei in der Umgangssprache, trotz aller schlechten Beispiele sollten Sie die Vergleichspartikeln „wie“ und „als“ nicht verwechseln – „wie“ drückt eine Gleichheit aus, „als“ eine Ungleichheit und steht meistens mit dem Komparativ. Heute ist es „so kalt wie“ gestern bedeutet: Heute messen wir null Grad, gestern betrug die Höchsttemperatur gleichermaßen null Grad. Falls die Temperatur heute jedoch in den Keller gestürzt ist, heißt es: Heute ist es „kälter als“ gestern.

Formelhaft erstarrt ist hochsprachlich allerdings das „als“ in der mehrteiligen Konjunktion „sowohl – als auch“, obwohl hier eine Gleichheit der Aussage vorliegt: Sowohl heute als auch gestern war es viel zu warm für diese Jahreszeit. Um möglichen Protesten zuvorzukommen, sei eingeräumt, dass ein Deutschlehrer auch die Konjunktion „sowohl – wie auch“ nicht als Fehler anstreichen dürfte.

Es gibt ganz Schlaue, die schenken sich die Entscheidung zwischen „als“ und „wie“ und bieten uns beide Partikeln quasi als Goethe light im Doppelpack an: Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug „als wie“ zuvor. Es ist immerhin Doktor Faust, der hier spricht. Doch selbst ein Großmeister der deutschen Dichtung kann nicht immer Vorbild für die korrekte Grammatik sein.

Kontakt zu Peter Schmachthagen: deutschstunde@t-online.de

Mehr „Deutschstunden“:

Manchen Wörtern fehlt der Stammbaum

Selig sind die Seelen im See

Irgendwann stößt jede Zeile an ihr Ende