Deutschstunde

Manchen Wörtern fehlt der Stammbaum

Etwa den Akronymen. Sie sind ganz schlicht aus Anfangsbuchstaben zusammengesetzt worden.

Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache.

Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache.

Foto: dpa/ Klaus Bodig

Es gibt Wörter, die wir täglich gebrauchen und die trotzdem keine Wörter im konservativen Sinne sind. Ihnen fehlt der Stammbaum, der sie etymologisch (worthistorisch) adeln würde. Sie lassen sich auf keine indogermanische Wurzel zurückführen, sie haben nicht mit den Goten um Rom gekämpft, ja sie sind noch nicht einmal in der Kammer der Wartburg entstanden, in der Luther das Tintenfass nach dem Teufel warf.

Nehmen wir das Wort „Aids“, dessen Geburt wir in Fachzeitschriften angelsächsischer Herkunft suchen müssen. Dort wurde eine Erkrankung beschrieben, die zu schweren Störungen im Abwehrsystem des Körpers führt und die englisch „Acquired immune deficiency syndrome“ genannt wurde, zu Deutsch etwa „erworbener Mangel an Abwehrkraft“.

Selbst im allerersten Artikel darüber dürfte es zu mühselig gewesen sein, die Krankheit in jedem Satz immer mit vier Wörtern zu bezeichnen.

Also bildete man das Kurzwort „Aids“, das aus den Anfangsbuchstaben der vier Langwörter zusammengesetzt ist. Da hier die Anfangsbuchstaben verschiedener Wörter zu einem neuen Wort vereint werden, sprechen wir auch von einen „Initialwort“ (initial – am Anfang stehend), während Fachleute abfällig die Bezeichnung „Quasiwort“ gebrauchen. Es ist immer noch am besten, wir holen uns den Begriff aus dem Griechischen, und dann lautet er „Akronym“ von ákros (Spitze) und ónyma (Name).

Akronyme

Ohne Akronyme könnten wir über bestimmte Themen nicht reden und schreiben, ohne die eigene und die Geduld des Hörers überzustrapazieren. Wir sagen „Laser“ und nicht „Light amplification by stimulated emission of radiation“, oder wir sprechen vom „Radar“ statt von der „Radio detecting and ranging“.

Auch in der Zeitungssprache benötigen wir die Akronyme. Sie lesen kurz und doch treffend „Nato“ (North Atlantic Treaty Organization), „Nasa“ (National Aeronautics and Space Administration) oder „Opec“ (Organization of the Petroleum Exporting Countries).

Sonderformen

Es gibt Sonderformen der Akronyme. Ein „Buchstabenwort“ setzt sich aus beliebigen Einzelbuchstaben der Wörter zusammen, zum Beispiel DAX für den „Deutschen Aktienindex“. Ergibt ein Akronym ein bereits existierendes Wort, so handelt es sich um ein „Apronym“.

Der Bezug ist oft gewollt und enthält nicht selten einen süffisanten Hintergedanken: Die ELSTER, die „ELektronische STeuer-ERklärung“, spielt angeblich auf die Elster an, auf den diebischen Rabenvogel, der die Menschen ebenso bestiehlt, wie das Finanzamt sie ausnimmt. Es sei dahingestellt, ob diese Deutung nun von den Finanzministern oder vom Steuerzahlerbund stammt, auf jeden Fall lässt sich das Kurzwort so gut merken.

„Backronyme“

Und dann haben wir da noch die sogenannten „Backronyme“, die scheinbaren Rückwärts-Kurzwörter, wobei „rückwärts“ nicht „von hinten“ bedeutet, sondern „nachträglich“. Nachträglich wird bekannten Ausdrücken ein von Lebenserfahrung oder Lebensenttäuschung triefendes Akronym übergestülpt, etwa „Ehe“ für „Errare humanum est“(„Irren ist menschlich“) oder „Team“ für „Toll, ein anderer macht’s“.

Kurzwörter werden schnell in die Struktur der deutschen Grammatik integriert. Während „Aids“ bisher weder einen Plural noch einen Artikel, aber bereits Komposita (Aidsberatung, Aidshilfe) besitzt, müssen wir bei anderen Akronymen vor allem den Numerus beachten: Die Nato „tagt“; die Uno „mahnt“ (Singular, „die Organisation“), aber: Die USA „sind“ betroffen; die UN „verlangen“ (Plural, „die Nationen“).

Kurzwörter werden im Wortinneren, von einigen Ausnahmen abgesehen, mit Kleinbuchstaben geschrieben (Aids, Azubi, Akku, Kripo, Fifa, Uefa, Unesco). Großbuchstaben sind nur zulässig, wenn die Abkürzung nicht als Silbe oder in Silben, sondern getrennt in Einzelbuchstaben gesprochen wird, etwa „A-D-A-C“ oder „B-U-N-D“.

Kontakt: deutschstunde@t-online.de

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