Deutschstunde

Selig sind die Seelen im See

Stegreif immer ohne H! Und auch sonst hat Peter Schmachthagen so einige Tipps, die man sich mal merken kann.

Foto: Federico Gambarini / dpa

Ein reines Hochdeutsch wurde vor dem Krieg angeblich im Raum Hannover gesprochen, weil das Hochdeutsche dem Niederdeutschen, in Hannover dem Ostfälischen, wie eine Fremdsprache übergestülpt worden ist, die man Vokabel für Vokabel lernen musste. Das war einmal. Heute ist Hannover die Hauptstadt des Gender-Sternchens, in der amtlich und mit Segen des SPD-Oberbürgermeisters die deutsche Sprache angeblich geschlechtergerecht gebraucht, in Wirklichkeit aber auf die Ebene einer missratenen Büttenrede gebracht wird.

Jedes Wort hat seine Geschichte, wobei es sich über Jahrhunderte vielleicht mit Genus, aber frei vom Sexus entwickelt hat. Und jedes Wort hat seine „Verschriftung“. Aus der historischen (etymologischen), phonetischen (gesprochenen) und systematischen (grammatischen oder analogen) Herkunft erschließt sich seine Rechtschreibung, die Antwort auf die Frage: Was schreibt man wie? Dazu kann selbst bei Erwachsenen der Griff zum Wörterbuch nicht immer vermieden werden. Nehmen wir die Pleite, den umgangssprachlichen Ausdruck für die Zahlungsunfähigkeit, den Bankrott. Als Substantiv schreibt man das Wort groß, als Adjektiv klein. Also: Er macht Pleite (was?). Aber: Er ist pleite (wie?), zumal das Hilfsverb „sein“ und alle seine Formen als Prädikat immer zur Kleinschreibung führen. Ebenso: Er „geht Pleite“ – könnte man meinen. Doch jetzt wird es kompliziert: pleitegehen schreibt man zusammen, da die Wörterbücher hier „pleite“ als Verbzusatz sehen.

Er geht pleite, macht aber Pleite

Das Präfix (Vorsilbe) und der Stamm bilden auch bei Distanzstellung eine inhaltliche Einheit mit kleinen Buchstaben: eislaufen/ sie läuft eis; achtgeben/ er gibt acht – und eben: Er geht pleite, jedoch: Er macht Pleite. Ebenso: Es ist ernst, aber: Er macht Ernst. Der Ausdruck „Pleite“ ist Gaunersprache (Rotwelsch) aus jiddisch plejte (Flucht vor den Gläubigern), doch selbst bei deutschen Erb- und Lehnwörtern müssen wir häufig nach der Herkunft forschen, um die korrekte Schreibweise festzustellen – oder nachschlagen. Das Adjektiv hanebüchen (grob, derb, klotzig; skandalös) hat nichts mit dem Hahn auf dem Hühnerhof zu tun und schreibt sich deshalb ohne „h“. Es kommt vom mhd. hagenbüechin (aus dem knorrigen Holz der Hainbuche bestehend).

Dagegen hat der Hahnrei mit „h“, der Ehemann, den seine Frau mit einem anderen Mann betrogen hat, durchaus etwas mit dem Hahn gemeinsam, und zwar mit einem kastrierten Exemplar, dem man, um es aus der Hühnerschar herauszufinden, die abgeschnittenen Sporen in den Kamm setzte, wo sie sich zu einer Art Hörner auswuchsen. Dem armen Tier wurden also Hörner aufgesetzt wie im übertragenen Sinne auch dem gehörnten Ehemann. Das Eigenschaftswort selig hat historisch nichts mit der Seele zu schaffen, weshalb wir bei ihm mit einem einfachen „e“ auskommen. Es geht auf das ahd. sālīg (gut, glücklich, gesegnet, heilig) zurück. Die Seele hingegen, man mag’s kaum glauben, bezieht sich auf den See. Nach germanischem Volksglauben wohnten die Seelen der Ungeborenen und der Toten nämlich im Wasser.

Stegreif ohne h

Wenn wir etwas aus dem Stegreif (unvorbereitet) machen, sollten wir das „h“ weglassen. Wir greifen nicht „im Stehen“ nach einer Gelegenheit, sondern im Gegenteil: Wir bleiben sitzen, und zwar im Sattel. Der Begriff kommt vom ahd. stegareif für Steigbügel. Die Verben kreischen und kreißen stammen beide vom mhd. krīschen für „schreien, stöhnen“ ab, nur dass kreischen (schrillen Lärm machen) und kreißen (in den Geburtswehen liegen) heute eine unterschiedliche Bedeutung erlangt haben.

Analog zu miteinander wird auch das Adverb ohneeinander zusammengeschrieben: Sie konnten ohneeinander nicht mehr leben. Handelt es sich aber um die Konjunktion ohne mit dem Pronomen einander, müssen wir zwei Wörter benutzen: Sie verabschiedeten sich, ohne einander die Hand zu geben.

Peter Schmachthagen ist zu erreichen unter: deutschstunde@t-online.de