Deutschstunde

Falls die Mutter bei Jauch einen Kuchen büke

Der Konjunktiv ist der schwierigste aller Modi. Deshalb sind wir versucht, nach einem „würde“ zu greifen, meint Peter Schmachthagen.

Foto: Klaus Bodig

Berlin. Wie einfach wäre es doch, wenn wir die Wörter so benutzen könnten, wie sie alphabetisch im Wörterbuch stehen – die Nomen im Nominativ Singular und die Verben im Infinitiv. Mein erster Satz, den ich als Krabbelkind gesprochen haben soll, lautete etwas so: „Peter – spielen – Ball – Garten.“ Jedenfalls hat meine ältere Schwester diese Babylaute sorgfältig in dem Buch „Unser Kind“ notiert, in einer ideologiefreien Edition der Agentur des Rauhen Hauses mit vielen Engeln, Blumen, Schlafliedern und Gebeten. Ich bezweifle nachträglich, dass dieses Gestammel etwas Besonderes gewesen ist, aber immerhin habe ich meine Schwester veranlasst, mit mir im Garten Ball zu spielen.

Heute würde ich Grammatik (Bau der Sprache) und Syntax (Bau des Satzes) etwas variabler handhaben. Besonders die Verben müssen verhackstückt – oder etwas gewählter ausgedrückt: konjugiert – werden, bis mit der Form, die wir im Duden suchen, keinerlei Ähnlichkeit mehr besteht. Ein Verb wird zurechtgestutzt durch die Person (1., 2., 3. Person), durch den Numerus (Zahl – Singular, Plural), das Tempus (Zeitform – Präsens, Präteritum, Futur usw.), das Genus Verbi (Handlungsart – Aktiv, Passiv) und den Modus (Aussageweise – Indikativ, Konjunktiv I und II, Imperativ).

Bleiben wir bei den Modi. Der Indikativ (Wirklichkeitsform) kommt noch relativ einfach daher: Sie hilft. Doch bereits in dieser kurzen Form ist ein Stolperstein eingebaut. Wer Deutsch als Fremdsprache lernt, ist versucht, die Grundform „hilfen“ statt helfen im Duden zu suchen. Der Stammvokal unterliegt in der 2. und 3. Person einem e/i-Wechsel. Überhaupt turnt der Stammvokal die Tonleiter rauf und runter: Sie half (Präteritum) oder: Sie hat geholfen (Partizip II). Der Imperativ (die Befehlsform) tut das, was sein Name ankündigt: einen Befehl aussprechen. Hilf der alten Dame! Aha, wieder ein e/i-Wechsel – aber nur, wenn ich einen Einzelnen anrede. Wende ich mich jedoch an eine ganze Gruppe von Kapuzenjünglingen, bin ich wieder beim e: Helft der alten Dame beim Tragen!

Und nun zum schwierigsten aller Modi, zum Konjunktiv. Der Konjunktiv dient zum Ausdruck von Wünschen („Das wolle Gott verhüten!“), oder der Konjunktiv drückt aus, dass etwas nicht wirklich der Fall, sondern nur möglich oder vorgestellt ist: Er lief, als ob der Teufel hinter ihm her wäre. Am häufigsten gebraucht man den Konjunktiv jedoch, um eine fremde Äußerung wiederzugeben. Dann sprechen wir von einer indirekten Rede: Sie sagt, sie habe gern geholfen.

Es gibt zwei Konjunktivformen, Konjunktiv I vom Präsensstamm (sie helfe) und Konjunktiv II vom Präteritumstamm (sie hülfe). Oder heißt es sie hälfe? Beides ist möglich, sodass wir uns nicht nur wegen der hinzugekommenen Umlaute, sondern gleich durch zwei verschiedene Umlaute immer weiter vom Infinitiv helfen entfernen, den wir ja im Duden nachschlagen wollen. In dem oben genannten Buch fand ich die schöne Zeile: Mutter büke einen Kuchen. Die Grundform backen ist nicht mehr zu erkennen. Hier handelt es sich um keine zumutbare Konjugation, sondern um eine 64.000-Euro-Frage bei Günther Jauch.

Es mag ja einige Auserwählte geben, die den Spruch „Gewönne doch der Konjunktiv“ von Wolf Schneider quer über ihren Bildschirm geklebt haben, die eher stürben als verdürben, bis ihre Zeit verrönne und ihre Erben die Grammatik an die Wand würfen. Normal Sterbliche greifen in solchen Fällen zu den würde-Formen, die sich in der Umgangssprache zu einer Art „Einheitskonjunktiv“ entwickelt haben. Das ist zwar in den meisten Fällen nicht korrekt, aber praktisch. Viele Leute ersetzen damit alle Formen des Konjunktivs. Dabei gilt immer die Warnung: Ein würde macht noch keinen Konjunktiv, es sei denn, es handelt sich um einen Konditional (Modus der Bedingung): Wenn ich genug Geld hätte, würde ich mir ein Auto kaufen.

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