Deutschstunde

Manche Leute sterben, andere werden abberufen

Die Stilform des Euphemismus sorgt dafür, dass Unangenehmes in angenehme Worte verpackt wird, analysiert Peter Schmachthagen.

Foto: Federico Gambarini / dpa

So leicht gerät uns das eigentlich zuständige Verb zum Tod, zum Ende des Daseins, nicht aufs Papier. Müssen wir das Ableben eines geschätzten oder gar geliebten Menschen mitteilen, so vermeiden wir gern den kalten Ausdruck sterben. Der Tote ist nicht gestorben, sondern entschlafen, eingeschlafen, abberufen worden, von uns gegangen oder hat seinen irdischen Weg beendet. Manche Tote sind nicht einfach gestorben, sondern verstorben. Das ist „gehobene“ Sprache. Beim Durchsehen der Todesanzeigen kann man den Eindruck gewinnen, dass je „gehobener“ die soziale Stellung des oder der Toten war, desto gehobener auch die Sprache in der Anzeige ist. Dazu besteht heutzutage aber kein Anlass mehr.

Die Stilform, unangenehm wirkende Bezeichnungen zu verhüllen, zu mildern und zu beschönigen, nennt man einen Euphemismus. Der Begriff stammt vom griechischen eúphēmos (Worte mit guter Vorbedeutung redend, Unangenehmes mit angenehmen Worten sagen).

Nur widerstrebend werden Personen, die an Übergewicht leiden, als dick bezeichnet, eher als vollschlank, stark oder allenfalls als beleibt. Statt vom Gesäß oder gar vom Hintern wird verhüllend vom Allerwertesten gesprochen. Der Nachbar mag kurz vor seinem 100. Geburtstag stehen, wir werden ihn nicht als alten Mann, sondern höflicherweise als älteren Mann darstellen. Wer dringend dahin muss, wo selbst der Kaiser zu Fuß hinging, wird Ziel und Zweck nie direkt angeben. „Ich muss mich einmal frisch machen“, sagte Mutter und stand auf. Mein Großvater im plattdeutschen Norden war ein wenig direkter: „Ik mutt mol ut de Büx“, erklärte er, klemmte sich das örtliche Käsblatt unter den Arm und verschwand im Häuschen mit dem ausgesägten Herzchen in der Tür.

Doch Euphemismen können nicht nur verhüllen, sie können auch verdecken, und zwar die weniger angenehme Realität. Wenn Sie etwas von einem Rückbau lesen, dürfen Sie getrost annehmen, dass es sich schlicht um einen Abriss handelt. Eine Seniorenresidenz klingt doch weitaus freundlicher als ein Altersheim, eine Freisetzung von Arbeitskräften nicht so unsozial wie eine Entlassung, eine Preisanpassung harmloser als eine Verteuerung, eine Friedensmission verschleiernder als ein Kriegseinsatz, ein Entsorgungspark besser als eine Mülldeponie oder ein Freitod nicht so direkt wie ein Selbstmord. Einen Begriff wie naturidentisch muss man erst einmal erfinden, um zu verbergen, dass das Produkt keineswegs natürlich, sondern künstlich ist.

Soldaten sterben nicht, sie fallen, was letztendlich dasselbe ist, aber weitaus nationaler klingt. Unter unserer Dorfeiche steht ein großer Findling, in den die Namen der vor 100 Jahren und mehr vor Verdun und bei Amiens gefallenen Ortsbewohner eingemeißelt sind. Sie werden dort, in Stein gehauen, als „Helden, die dem Vaterland ihr Leben gaben“, bezeichnet. An jedem Volkstrauertag tritt die Feuerwehr an, und der Bürgermeister bemüht sich, diesen schlimmen Euphemismus der Wirklichkeit anzupassen.

Bei manchen ehemaligen Tabuthemen kann die euphemistische Verhüllung im Laufe der Zeit überflüssig werden. Hieß es früher von einer schwangeren Frau, sie sei in anderen Umständen oder in freudiger Erwartung, so nennen wir heute schwanger, wer schwanger ist.

Werfen wir noch einen Blick auf die Wortbildung der Reduplikation. Wörter wie Töfftöff oder tipptopp gehören dazu. In der Sprachwissenschaft wird der Begriff „Reduplikation“ abgeleitet vom lateinischen Wort für Verdoppelung. Silben oder Wörter werden bei diesen Bildungen wörtlich oder leicht abgeändert wiederholt. Wauwau, Ticktack, Pinkepinke, die Reimdoppelungen Remmidemmi und Heckmeck sowie die Ablautdoppelungen Singsang oder Tingeltangel gehören dazu. Eine Sprechblase ohne Reduplikation ist im Comic-Heft kaum denkbar – klapperdiklapp oder Peng! Peng! Peng! Donald Duck lässt grüßen.

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