Deutschstunde

Die Frau des Rehbocks namens Ricke …

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Peter Schmachthagen
Peter Schmachthagen  schreibt hier wöchentlich über  die Tücken der deutschen Sprache.

Peter Schmachthagen schreibt hier wöchentlich über die Tücken der deutschen Sprache.

Foto: Klaus Bodig

… lässt nie das Kitz aus ihrem Blicke. Diese „Eselsbrücke“ ist allerdings weniger für den Esel gedacht. Die Deutschstunde.

Berlin. Ich freue mich ja über jede Post, versuche trotzdem immer wieder, von der Sprachberatung zum Status eines Autors zurückzukehren. Zum schnellen Nachschlagen empfehle ich Ihnen das Erste-Hilfe-Buch „Die 100 häufigsten Fehler“ (fünf Euro), und für Notfälle verweise ich auf die telefonische Duden-Sprachberatung (Tel. 09001–870098), die allerdings nicht gratis ist, sodass eine Diskussion über die Schreibweise von „Tschüs“ (bitte nur so!) schon einmal zehn von der eigenen Flatrate nicht gedeckte Euro kosten kann.

Eine Mail will ich aber noch abarbeiten. Ein Leser fragt: „Gibt es eine simple Eselsbrücke (à la ‚Wer nämlich mit h schreibt, ist dämlich!‘) zur Unterscheidung von ‚scheinbar‘ und ‚anscheinend‘? Ich habe da regelmäßig meine Schwierigkeiten.“ Die gibt es: „Hat es den Anschein, kann es sein, der Schein hingegen legt dich rein.“ Dieser etwas holprige Merkvers sagt also aus, dass „scheinbar“ nur den Schein der Wahrheit ausdrückt (sie ist scheinbar krank – sie macht blau), während der Anschein auf die Wahrheit hinweisen könnte (sie ist anscheinend krank – alles deutet darauf hin).

Doch warum heißt dieser Merksatz „Eselsbrücke“? Soll das bedeuten, dass Schüler, die dumm wie ein Esel sind, eine banale sprachliche Brücke benötigen, um eine Regel zu begreifen? So mögen zu Kaisers Zeiten viele Lehrer gedacht haben, die von moderner Pädagogik keine Ahnung hatten, dafür den Rohrstock aber fleißig gebrauchten.

Bevor sich nun ein Shitstorm von Tierschützern und Hippologen über mich ergießt, sei mitgeteilt, dass Esel gar nicht dumm sind, nur stur, wenn sie ein unbekanntes Gewässer durchqueren sollen. Deshalb baute man den mediterranen Eseln eine Brücke über den Fluss, damit sie das gegenüberliegende Ufer und übertragen das Ufer der Erkenntnis erreichen konnten. Schon Plinius der Ältere (23 bis 79) sprach von der pons asinorum, von der Brücke für die Esel. Eine Eselsbrücke ist also ein Merkspruch zum Einprägen von Informationen (Mnemotechnik). Dabei wird die assoziative (die Vorstellungen verknüpfende) Arbeitsweise des Gedächtnisses zum Merken von Fakten genutzt.

Die Fakten kommen aus allen Wissensgebieten. Manche Eselsbrücken haben wir uns früher vor einer Klassenarbeit auf das Löschblatt geschrieben, etwa: „Volt mal Ampere ergibt in Watt, was der Strom geleistet hat.“ Oder für den Chemieunterricht: „Erst das Wasser, dann die Säure, sonst passiert das Ungeheure.“

Auch Geschichtszahlen lassen sich so leichter merken: „Drei – drei – drei, bei Issos Keilerei.“ Alexander der Große hat gesiegt. Eine Kurzbiografie von Napoleons Ende lautet: „Moskau – Elba – Waterloo, dann St. Helena bis ultimo.“ Sogar für den Kindergarten existieren Merkverse: „Die Frau des Rehbocks namens Ricke lässt nie das Kitz aus ihrem Blicke.“

Selbst für den Deutschunterricht gibt es, allen didaktischen Bedenken zum Trotz, viele Eselsbrücken, zum Beispiel: „Gehört ‚seit‘ zu einer Zeit, sorge nicht mit ‚seid‘ für Heiterkeit!“ Ein nützlicher Hinweis: „‚Gar nicht‘ wird gar nicht zusammengeschrieben.“ Oder: „Den Tiger sprich mit langem i, doch mit ie schreib ihn nie!“ Auch ganz praktisch: „Lärchen sind Bäume, Lerchen sind Vögel.“ Stehen zwei Adjektive vor einem Substantiv, stellt sich die Frage, wann sie durch ein Komma getrennt werden. Antwort: „Kannst du Adjektive mit ‚und‘ verbinden, solltest stets das Komma du vorfinden.“

Folgende Eselsbrücke darf nicht ohne die ausdrückliche Erklärung benutzt werden, dass es hier um das Genus und nicht um den Sexus geht: „Was nicht Frau ist und nicht Mann, das sieht man als Neutrum an.“ Überholt ist die Eselsbrücke, die früher jeder Schüler kannte: „Trenne nie st, denn es tut ihm weh!“ Heutzutage wird manches getrennt, seit der Rechtschreibreform auch das „st“.

Kontakt: deutschstunde@t-online.de

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