"Der goldene Handschuh"

Fatih Akin: „Honka war eine Angstfigur meiner Kindheit“

| Lesedauer: 5 Minuten
Volker Behrens
Fatih Akin vor dem Plakat seines Films. Die Hauptrolle im „Goldenen Handschuh“ spielt Jonas Dassler, der zum Ensemble des Maxim-Gorki-Theaters gehört.

Fatih Akin vor dem Plakat seines Films. Die Hauptrolle im „Goldenen Handschuh“ spielt Jonas Dassler, der zum Ensemble des Maxim-Gorki-Theaters gehört.

Foto: Marcelo Hernandez / MARCELO HERNANDEZ

Der Regisseur Fatih Akin über seinen Horror-Film „Der goldene Handschuh“, der im Wettbewerb Premiere feiert.

Berlin. Mit seinem ersten Horrorfilm kehrt Fatih Akin zurück an die Stätte seines ersten großen Erfolgs. Bei der Berlinale gewann der Regisseur 2004 mit dem Drama „Gegen die Wand“ den Goldenen Bären. In seinem neuen Film erzählt er in teils drastischen Szenen von einem historischen Kriminalfall und einem Frauenmörder, der in den 70er-Jahren in Hamburg sein Unwesen trieb.

Der Roman von Heinz Strunk erzählt von dem Frauenmörder Fritz Honka, der seine Opfer in der Kiezkneipe „Zum Goldenen Handschuh“ fand. Das Buch wurde, überraschend, ein Bestseller. Was hat dich daran gereizt, es zu verfilmen?

Fatih Akin: Mir gefällt an dem Buch, dass Heinz Strunk es geschafft hat, sowohl den Opfern als auch Fritz Honka eine Würde zu geben. Honka ist für mich nicht ein Serienmörder wie Hannibal Lecter aus „Das Schweigen der Lämmer“. Der mordet in den USA und ist ohnehin nur eine fiktive Figur. Honka war ein realer Mensch aus meiner Nachbarschaft. Als ich in der Grundschule war, hieß es: Pass auf, sonst kommt der Honka! Er war eine Angstfigur meiner Kindheit.

Ich brauche immer einen persönlichen Zugang zu dem Stoff. Ich habe mir überlegt, wie ich mit der Gewalt umgehe, damit der Film nicht so aussieht, als hätte Tarantino ihn gemacht. Wir wollen die Gewalt nicht wegwischen oder wegschneiden, aber visuelle Wege finden, sie nicht explizit zu zeigen. Sie soll im Kopf entstehen. Honka geht mit der Säge auf die tote Frau zu, man hört ihn sägen, den Rest kann man sich denken.

Oder: Ihn nervt das Gelaber der letzten Frau, also schneidet er ihr die Zunge ab. Man sieht, wie er mit der Schere auf sie zugeht. Man sieht ihn aber nur von hinten, weil er das, was er tut, mit dem Rücken abdeckt, hört sie aber schreien. Dann schneiden wir zu den Nachbarn, den Griechen, die gerade Hammelkopfsuppe machen, und Adam schneidet von dem gekochten Kopf die Zunge ab. Es galt einen Weg zu finden, um Gewalt zu erzählen, ohne sie zu zeigen.

Wie bist du auf Jonas Dassler als Honka gekommen?

Auf der anderen Seite macht meine Frau Monique meine Castings. Als wir beim Bayerischen Filmpreis waren und für „Aus dem Nichts“ ausgezeichnet wurden, kam Jonas auf die Bühne und wurde als bester Nachwuchsschauspieler geehrt. Er war total aufgedreht, strich sich ständig durchs Haar, hatte aber eine wahnsinnige Präsenz. Monique hat damals zu mir gesagt: „Der Typ zehn Jahre älter ist dein Honka.“ Damit fingen die Zahnräder an, sich zu drehen, denn eine heftige Maske war auf jeden Fall nötig.

Honka sah mit seiner gebrochenen Nase, den kaputten Zähnen und diesem markanten Schielen einmalig aus. Für die Maske waren die Zähne, die schiefe Nase und die kaputte Haut kein Problem. Was wir nicht hatten, war das Schielen. Kurz vor Drehbeginn hatte ich Besuch aus der Türkei und habe einem befreundeten Filmemacher davon erzählt, was ich vorhabe. Sie haben sich die Fotos vom echten Honka angesehen und mir gesagt: „Bruder, der Schauspieler muss schielen!“

Wir haben in London eine riesengroße Kontaktlinse herstellen lassen. Anstatt der Iris zeigt sie einen angemalten Glaskörper. Man konnte sie aber nur eine halbe Stunde am Stück tragen, danach musste man sie wieder abnehmen. Wir haben zusätzlich noch eine Brille hergestellt, die Honkas Sehfehler korrigieren sollte. Immer, wenn er einen Mord begangenen hat, trägt er die aber nicht.

Die Maske muss für Jonas Dassler eine Tortur gewesen sein.

Der erste Maskentest, also noch bevor wir überhaupt gedreht haben, hat sechs Stunden gedauert. Später haben wir die Zeit auf zweieinhalb Stunden gedrückt, dazu kam noch eine halbe Stunde für das Schielen. Wir haben in einem wahnsinnig heißen Sommer gedreht, und Jonas hat unter den Prothesen geschwitzt, die dann Blubberblasen unter der Haut machten.

Seine Rolle war körperlich wahnsinnig anstrengend, er musste mit Akzent sprechen, hatte eine Tonne Maske im Gesicht, musste humpeln ... Er hat das so toll gemacht und dabei diese Figur erschaffen, die in der Tradition von Victor Hugos „Der Glöckner von Notre Dame“ steht. Wir haben in der Vorbereitung auch den Glöckner-Film mit Anthony Quinn geguckt. Tatsächlich hatte Jonas keine Angst vor nichts und hat alles ausprobiert.

Aber auch die Frauen waren gut und vor allem auch sehr mutig, gerade auch, wenn es um Nacktheit geht. Mit Jonas habe ich genau den Richtigen besetzt. Der Film bietet viele Fallen. Die Hauptrolle falsch zu besetzen, hätte man mir nicht verziehen. Dann hätte man den Film wegschmeißen können. Davor hat er mich bewahrt.

Das Interview ist ein Auszug aus dem Buch: „Fatih Akin: Im Clinch. Die Geschichte meiner Filme“. Hg. v. Volker Behrens und Michael Töteberg. Rowohlt, 336 Seiten, 20 Euro. Ab 19. Februar im Handel.

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