Auf dem roten Teppich

Im Fangirlmodus durch den Bundestag

Der Umgang mit Prominenz ist für Klatschreporter Alltag. Ist ein Politiker darunter, kann das zur echten Contenanceprobe werden.

Annika Schönstädt war im Bundestag unterwegs.

Annika Schönstädt war im Bundestag unterwegs.

Foto: pa/BM

Sind Politiker eigentlich auch Prominente? Ich frage mich das, weil ich neulich gleich zwei von ihnen begegnet bin und dabei so etwas wie ein Gefühl von irrationaler Aufgeregtheit verspürt habe. Nicht, weil ich einen der beiden besonders toll finde, sondern einfach aufgrund der Tatsache, diese Menschen, die ich sonst nur aus den Nachrichten kenne, einmal in ihrem natürlichen Habitat zu erleben und festzustellen, dass sie wirklich leibhaftig existieren. Ich hatte einen Termin im Bundestag. Natürlich nicht aus Gründen, die im Entferntesten etwas mit Politik zu tun haben, sondern zum Essen. Als ich vor der Tür gerade dabei war, mein Fahrrad anzuschließen, trat neben mich ein Herr, der seins gerade von der Kette befreien wollte. Er trug vorbildlich einen Helm, weshalb ich ihn nicht sofort erkannte. Bei meinem zweiten, verstohlenen Blick stellte ich dann aber fest, dass es sich um Cem Özdemir handelte.

Während ich mich innerlich über diese Entdeckung und die Tatsache freute, dass ein hochrangiger Grüner wirklich mit dem Fahrrad fährt, bemühte ich mich äußerlich selbstverständlich um größtmögliche Abgeklärtheit. Politprominenz am Hotspot der deutschen Demokratie? Was sonst ist neu? Als Berliner sind wir doch quasi den täglichen Umgang mit Hollywoodstars gewöhnt. Und außerdem bist du Klatschreporterin, also krieg dich wieder ein!

Gewappnet mit selbstauferlegter Lässigkeit betrat ich also die heiligen Hallen. Von meiner Verabredung bekam ich dort eine, zugegebenermaßen beeindruckende Führung durch das Haus. Und was soll ich sagen, eine halbe Stunde später wiederholte sich der Oh-mein-Gott-ich-habe-einen-Promi-gesehen-Modus, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte. Aus einem Fahrstuhl trat Christian Lindner und grüßte freundlich. Vermutlich habe ich dasselbe erwidert. In meinem Kopf klang es aber eher so: „Gnihihihihihi!“ Ich meine, Christian Lindner!? Was ist los mit mir? Wenn es wenigstens Barack Obama gewesen wäre. Meine Kollegen aus dem Politikressort sehe ich ungläubig den Kopf schütteln.

Ich hingegen begann zu verstehen, wie es anderen Menschen geht, wenn ich ihnen von meinen Begegnungen mit bekannten Schauspielern oder Musikern erzähle. Denn wie bei allen Dingen, die zum Alltag werden, stellt sich auch beim Umgang mit VIPs ein gewisser Gewöhnungseffekt ein. Während Scharen von Fans am roten Teppich in Hysterie verfallen, wenn Elyas M’Barek, Brad Pitt oder sogar Die Lochis die Szenerie betreten, überlege ich, wie ich das Prozedere möglichst schnell hinter mich bringe. Wahrscheinlich muss das so sein. Würde ich bei jedem Interview vor Aufregung vergehen, wäre das schließlich wenig zielführend. Das Gleiche gilt für luxuriöse Restaurants und Hotels, die ich berufsbedingt häufig besuchen darf. Ein Glücksfall, ohne Frage. Der beste Job der Welt. Wie besonders die Umstände meines Broterwerbs sind, wird mir aber manchmal erst dann wieder richtig bewusst, wenn mich Freunde begleiten, die sich im Normalfall außerhalb dieser Blase bewegen.

Das Äquivalent sind für mich offensichtlich Politiker. Ich finde sie faszinierend. Angela Merkel habe ich schon einige Male auf Veranstaltungen erlebt, ohne jemals mit ihr gesprochen zu haben. Selbst aus der Ferne war ich aber jedes Mal entflammt. Wie kann es sein, dass diese Frau wirklich ein Mensch ist? Sollte ich jemals Donald Trump begegnen, kann ich für nichts garantieren. Die Faszination des Grauens! Diese Haare, dieser Teint! Ist das ein Traum? Darf ich mal kneifen? Bei meiner persönlichen Katastrophenschutzübung im Deutschen Bundestag hatte ich dann aber doch noch alle Impulse unter Kontrolle. Ich scheine nicht unangenehm aufgefallen zu sein. Jedenfalls wurde ich wieder eingeladen. Ich hoffe, die Bundeskanzlerin ist an diesem Tag nicht da.