Auf dem roten Teppich

Wenn der Promi duzt und der Reporter siezt

In der Showbranche ist das „Sie“ beinahe ausgestorben. Kommt es doch zum Einsatz, kann die Sache kompliziert werden.

Helge Schneider ist eine "Duzmaschine" - doch Morgenpost-Redakteurin Annika Schönstädt bleibt lieber beim "Sie".

Helge Schneider ist eine "Duzmaschine" - doch Morgenpost-Redakteurin Annika Schönstädt bleibt lieber beim "Sie".

Ich weiß nicht, wie Sie das sehen, aber wenn es nach mir ginge, könnte man das mit dem „Du“ und „Sie“ im Deutschen wirklich abschaffen. Zum einen, weil das in meiner Branche sowieso kaum noch jemand macht. Zum anderen, weil, wenn doch, das eigentlich immer zu merkwürdigen Situationen führt.

Situation 1 „Die Duzmaschine“: Die Duzmaschine fragt nicht, die Duzmaschine duzt. Hannes Jaenicke ist so jemand, Til Schweiger auch. Ich stelle mich in solchen Fällen darauf ein und duze zurück. Mir kommt das entgegen. Per „Du“ quatscht es sich gleich viel vertraulicher. Anders verhält es sich bei älteren Herrschaften, die unter den Duzern sehr verbreitet sind. Ich bin so erzogen worden, dass der Ältere dem Jüngeren das „Du“ anbieten muss. Ich habe das so verinnerlicht, dass ich bei Menschen, die wesentlich älter sind als ich, das „Du“ einfach nicht über die Lippen bringe, außer ich werde dazu eingeladen. Bei Interviews mit beispielsweise Helge Schneider, Jürgen Drews – immerhin ja auch noch König von Mallorca – oder James Last sieze ich also, während ich geduzt werde und mir dabei vorkomme wie eine Schülerpraktikantin. Bei Sylvester Groth habe ich mich neulich getraut und zurückgeduzt. Mir war dabei ganz blümerant zumute.

Situation 2 „Der Distanzierte“: Bei Interviewpartnern, die in einem großzügigen Rahmen von zehn bis 15 Jahren Toleranz ungefähr in meinem Alter sind, stellt sich die Frage nach der Anrede meistens nicht. In der Unterhaltungsblase wird geduzt, wir sind doch alle so berufsjugendlich. Natürlich gibt es Ausnahmen. Elyas M’Barek beispielsweise ist ein konsequenter Siezer, Clemens Schick ebenfalls. Nennen Sie mich schizophren, aber das finde ich mindestens genauso merkwürdig wie von älteren Menschen geduzt zu werden. Ich finde das gestelzt und unnatürlich, weil es mir im privaten Umgang mit Ähnlichaltrigen nie in den Sinn käme. Aber das ist wahrscheinlich eine Generationenfrage. Und vielleicht ist die auf diese Weise erzeugte Distanz ja auch beabsichtigt. Ein Interview ist, zumindest aus Promisicht, ja häufig nicht das größte anzunehmende Vergnügen. Besonders unangenehm ist es aber, einen Prominenten zu duzen und zurückgesiezt zu werden. Nach kurzem inneren Im-Boden-Versinken bin ich immerhin in der Lage, den Fauxpas für den Rest des Gesprächs zu korrigieren. In die Duzmaschinen-Rolle muss man offensichtlich erst hineinwachsen. Ein paar Jahre habe ich ja noch.

Situation 3 „Das Doppelinterview“: Führe ich ein Interview mit zwei Personen, kann es passieren, dass ich eine von ihnen bereits kenne, die andere hingegen noch nicht. Oder dass einer der Gesprächspartner wesentlich älter ist als der andere. Die Kombination aus Situation 1 und Situation 2 führt in diesem Fall zu absurden Vermeidungsstrategien und Satzungetümen wie „Was denken Sie und Du?“ Behelfsmäßig kommt hier das „Ihr“ und „Euch“ zum Einsatz, das irgendwie gleichzeitig als „Du“ und „Sie“ durchgeht. Zusätzlich entsteht in solchen Situationen ein wenig zuträgliches Ungleichgewicht im Vertraulichkeitsgrad des Gesprächs. Als ich neulich mit Jürgen Vogel und Heiner Lauterbach sprach, konnte ich deshalb nicht anders, als Heiner Lauterbach ebenfalls zwangszuduzen. Ich habe ihn vorher gefragt, aber wahrscheinlich sagen die wenigsten Menschen in so einem Fall „Nein“. Sorry, Heiner.

Wie Sie sehen, alles nicht so einfach mit der deutschen Sprache. Englische Interviews sind in dieser Hinsicht bedeutend unkomplizierter. Die Herausforderung besteht dann viel mehr darin, einen Mittelweg zwischen deutscher Direktheit und englischer oder amerikanischer Höflichkeit zu finden. Ich erwische mich dann regelmäßig dabei, wie ich mich um eine überdreht freundliche Performance bemühe, um nicht als „Grumpy German“ in Erinnerung zu bleiben. Aber das ist eine andere Geschichte.