Auf dem roten Teppich

Auch bei Promis gilt: Die Kamera ist nicht dein Freund

Superhelden und Traumfrauen im echten Leben zu begegnen ist manchmal verwunderlich. Schuld ist eine optische Täuschung.

Annika Schönstädt schreibt über die Welt der Prominenten.

Annika Schönstädt schreibt über die Welt der Prominenten.

Foto: Getty/Reto Klar / BM

Ich bin 1,75 Meter groß. Das ist die Kategorie: Für Modelmaß hat es nicht ganz gereicht, aber irgendwie doch zu groß für die deutsche Durchschnittsfrau. Glücklicherweise hat mich meine Größe in der Pubertät nur ungefähr fünf Minuten lang gestört. Heute können die High Heels gar nicht hoch genug sein.

Die einzige Situation, in der ich mich manchmal fühle wie eine Dragqueen, ist, wenn ich Frauen wie Sylvie Meis, Sophia Thomalla oder Collien Ulmen-Fernandes begegne. Denn die sind wirklich so miniminimini und elfenzart, dass daneben nur die Rolle als Troll bleibt. Oder als Gulliver in Liliput meinetwegen.

Wer auf Fotos schlank aussehen will, muss im echten Leben übernatürlich sein

So wie vergangene Woche bei meinem Interview mit Pamela Reif. Fitness-Influencerin mit über sechs Millionen Followern bei Instagram und der Grund, warum ich in der Lockdown-Zeit jeden Morgen meinen inneren Schweinehund überwunden habe.

Dass mich eine perfekt durchtrainierte Frau erwartet, wusste ich also vorher. Wie vollkommen körperfettfrei sie wirklich ist, hat mich dann aber doch überrascht. Man sagt, die Kamera lasse Menschen fünf bis sieben Kilo dicker aussehen. Und ich fürchte, das stimmt.

Wer auf Fotos oder Videos also schlank und fit rüberkommen möchte, muss im echten Leben übernatürlich sportlich sein. Im Fall von Pamela Reif kein Problem. Ich habe selten einen so disziplinierten Menschen getroffen. Aber was ist mit allen anderen? Das ist doch ungerecht! Gibt es da keinen Filter? Warum hat da noch niemand etwas erfunden?

Beispielsweise für Frauen wie Jennifer Lawrence. Die gilt gerne als sympathischer Typ „beste Freundin“, weil sie ein bisschen tollpatschig ist, immer geradeaus und eben nicht so dürr, wie man das aus Hollywood sonst so kennt. Haben Sie auch gedacht? Dann muss ich Sie enttäuschen.

In echt ist die Oscargewinnerin nämlich sehr viel schlanker als die meisten von uns, wie ich vor ein paar Jahren feststellte, als sie in Berlin war, um ihren Film „Passengers“ vorzustellen. Richtig erschrocken war ich zu ähnlichem Anlass von Angelina Jolie, die noch feengleicher ist als auf der Leinwand. Und ich frage mich, ob selbst Adele, die gerade ein Foto ihrer neuen Bikinifigur postete, mittlerweile Size Zero trägt.

„Die Kamera, dein dolchstoßender Freund“

Das zum Trost: Immerhin herrscht beim Thema „Die Kamera, dein dolchstoßender Freund“ Geschlechtergleichheit. Denn was für Frauen das Gewicht ist, ist für Männer die Größe. So soll beispielsweise Leinwand-Schwerenöter Humphrey Bogart zum berühmten Blick in die Augen von Ingrid Bergman auf Kissen und Holzklötzchen angewiesen gewesen sein.

Zwar machen Perspektive und erhöhende Hilfsmittel aus jedem kleiner gewachsenen Schauspieler einen Hünen und ein paar Extra-Kilos einen Muskelberg. Doch in der Stunde der Wahrheit nützt das leider alles nichts. Ja, Tom Cruise ist wirklich so klein wie häufig gemutmaßt wird. Und auch Robert Downey Jr. taugt abseits der Leinwand nur für kleine Prinzessinnen zum Drachentöter. Bei den deutschen Kollegen rangieren Til Schweiger, Elyas M’Barek oder Moritz Bleibtreu ebenfalls nur in meiner Größenordnung oder knapp darunter.

Willem Dafoe ist am roten Teppich ein schmales Persönchen

Der rote Teppich kann da schon mal zur Enttäuschung werden. Ich erinnere mich, wie ich bei der Berlinale einmal Willem Dafoe begegnete und angesichts des schmalen Persönchens, das im Film so schön böse sein kann, etwas irritiert war.

Im Gespräch mit Jamie Cullum, der, weil ich hohe Schuhe trug, über 20 Zentimeter kleiner war als ich, konnte ich nur schwer den Impuls unterdrücken, mich wie bei einem Kind mittels Herunterbeugen auf Augenhöhe zu begeben.

Dem liebsten Kinohelden nie persönlich zu begegnen, kann also auch seine Vorteile haben. Und wenn doch, ist es doch eigentlich ganz schön zu sehen, dass jeder von uns mit der richtigen Kameraeinstellung im Feinripp die Welten retten könnte. Oder dass die Quarantänekilos eben nur eine Frage des Blickwinkels sind.