Auf dem roten Teppich

Klatschreporters zweiter Frühling

Was zur Gewohnheit wurde, erscheint nach den Entbehrungen der Coronazeit wieder neu und aufregend, schreibt Annika Schönstädt.

Annika Schönstädt schreibt über die Freude, wieder Restaurants zu besuchen und Promis zu treffen.

Annika Schönstädt schreibt über die Freude, wieder Restaurants zu besuchen und Promis zu treffen.

Foto: pa/Zoonar/BM

Ende der vergangenen Woche war ich zum ersten Mal seit zwei Monaten wieder in einem Restaurant und hätte vor Freude fast geweint. Mein Beruf bringt es mit sich, dass ich häufig bei Berlins besten Köchen essen gehen darf. Also jedenfalls war das bis vor Kurzem noch so. Dann kam Corona und löste diesen Teil meines Lebens von einem Tag auf den anderen komplett in Luft auf.

Keine Gastronomie, keine roten Teppiche, keine After-Show-Partys, keine Interviews. Mich stürzte das zunächst in eine mittelgroße Identitätskrise. Zum einen, weil ich meinen Job sehr gerne mache. Zum anderen, weil er es ebenfalls mit sich bringt, dass die Grenzen zum Privatleben eher fließender Natur sind. Kollegen werden zu Freunden, es hat ja sonst niemand so absurde Arbeitszeiten, und in der Hochsaison sehe ich manchen Prominenten häufiger als meine Familie.

Was bleibt also übrig, wenn das alles nicht mehr stattfindet? Einiges, stellte sich zu meiner Erleichterung fest. Ganz zu schweigen von den bereits ausgeführten Vorzügen ausreichender Schlafeinheiten und den Jogginghosencouture.

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Kaum gab es Lockerungen, kribbelte es wieder

Als sich dann gewisse Lockerungen am Horizont abzeichneten, kribbelte es dann aber doch sofort wieder in den Fingern. Und das offensichtlich nicht nur bei mir, sondern auch bei den Promis auf Glamourentzug. Das „Borchi“ war direkt am Freitagabend so voll, dass die Polizei etwas dagegen hatte. Und als ich ein paar Tage zuvor mit Schauspieler Pasquale Aleardi zu einem Spazierinterview im Weinbergspark verabredet war, fiel schon die Begrüßung überdurchschnittlich enthusiastisch aus. Ich betone: von beiden Seiten!

Wir kannten uns vorher nicht, es hätte also auch schief gehen können mit der Sympathie. Aber egal, Hauptsache mit jemandem sprechen, der nicht im eigenen Haushalt wohnt. Selten hatte ich das Gefühl, dass sich ein Interviewter so auf mich gefreut hat. Denn Prominente und Klatschreporter, das ist ja im Normalfall eine Liebe, die von einigen Exemplaren nur zögerlich erwidert wird.

Wenn ein Musiker sich beispielsweise mit einem Vertreter des Unterhaltungsressorts verabredet, dann aber partout nur über sein neues Zwölfton-Projekt sprechen möchte. Eine Kollegin wurde von Ben Becker einmal des Raumes verwiesen, nachdem sie zugeben musste, das Buch, auf dem sein Stück beruhte, nicht als Vorbereitung für das Gespräch gelesen zu haben. Gerne genommen als Abfuhr für journalistische Anbalzversuche wird auch die Aussage „Ich bin heute privat hier“, während sich der betreffende Schauspieler auf Einladung des Eventveranstalters über den roten Teppich schiebt.

Im Idealfall wächst die Liebe mit der Zeit

Im Idealfall ist es so wie bei jeder guten Beziehung: Die Liebe wächst im Laufe der Zeit. Zweite, dritte und vierte Interviews mit Prominenten fühlen sich fast an wie Treffen mit alten Bekannten. Man kennt sich, man kann sich gegenseitig einschätzen, verzeiht die Macken des anderen und vertraut sich auch mal ein Geheimnis an. Der Nachteil der Langzeitliebe: weniger Schmetterlinge im Bauch, man nimmt sich gegenseitig für selbstverständlich und braucht plötzlich Abstand, um sich wieder aufeinander zu freuen. In dieser Hinsicht ist Corona ein echter Glücksfall. Wie ein zweiter Frühling.

Ich bin gespannt, wie lange die Neuentflammung füreinander anhält. Bis wir uns spätestens bei der nächsten Berlinale – wenn sie denn stattfindet – wieder ausgiebig darüber beschweren, dass man sich auf der zehnten Premierenparty nun wirklich nicht mehr sehen kann.

Von außen klang das vielleicht schon immer wie Jammern auf hohem Niveau. Aber Sie kennen das sicher selbst: Jeden Tag Klaus-Dieter auf dem Sofaplatz nebenan war irgendwie auch sexier, als Sie nach dem ersten Date noch nicht wussten, ob er wohl überhaupt jemals dort Platz nehmen würde. Jetzt, wo es wieder geht, schicken Sie ihn doch auch mal eine Runde mit den Jungs um den Block. Ich sag’ Ihnen, das wirkt Wunder.