Auf dem roten Teppich

Die Hölle, das sind die anderen

Annika Schönstädt hat sich "Promis unter Palmen" angetan - und prompt Alpträume davon gekommen.

roter teppich kolumne

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Foto: Getty/Reto Klar / BM

Berlin. Neulich wachte ich nachts schweißgebadet aus einem Albtraum auf. Die Protagonisten: zur Fratze verzerrte Schlauchbootlippen, gellend weiß gefletschte Zähne, eine keifende Natter und Popeye im Hühnerkostüm. Schuld war mein vorabendlicher Trash-TV-Konsum. Bis auf meine Leidenschaft für „Bachelor“ und „Bachelorette“ schaue ich normalerweise überhaupt kein Fernsehen. Ich habe das Gerät vor über zehn Jahren abgeschafft. Schon aus ästhetischen Gründen.

Nun hatte sich bei mir nach wochenlanger Quarantäne aber ein gewisser Netflix-Überdruss eingestellt, und Freunde überschlugen sich mit Lobgesängen auf das Sat.1-Format „Promis unter Palmen“. Schaurig-faszinierend wie ein Unfall, bei dem man nicht wegschauen kann, Reality-TV-Gold, das beste Mittel gegen den Corona-Blues… Ein Superlativ jagte den nächsten.

Warum also nicht, dachte ich mir und schaute mir die ersten beiden Folgen online an. Danach musste ich das Experiment abbrechen und mich zur Beruhigung in die Kindespose auf meine Yogamatte begeben. Der Inhalt der Sendung: Trash-TV-Veteranen wie Carina Spack, Matthias Mangiapane, Désirée Nick und Bastian Yotta werden in eine Villa in Thailand gesperrt und zerfleischen sich gegenseitig mit Intrigen, alkoholgeschwängertem Geschrei und schlimmsten Beleidigungen. Zwischendurch versucht Ronald Schill, geifernd seine Mitspielerinnen zu begrapschen. Vielleicht bin ich zu zart besaitet, aber mich ließ das ernsthaft verstört zurück.

Hassorgien, Analsex, gequälte Hunde - alles sehr unangenehm

Nachdem ich die negative Energie erfolgreich weggeatmet hatte, holte sie mich in der vergangenen Woche allerdings wieder ein. Medienübergreifend war kein Vorbeikommen mehr an „Promis unter Palmen“, nachdem der Konflikt Yotta/Spack/Mangiapane vs. Claudia Obert in einer Hassorgie eskaliert war. Hinzu kamen just in diesem Moment aufgetauchte Videos, in denen Yotta über das Recht des Mannes auf Analsex fantasiert und mutmaßlich einen Hund quält. Alles sehr unangenehm. Und plötzlich standen alle Empörer auf dem Plan. Wutbürger, Tierschützer, Mobbingexperten, sogar die „Bild“ fand: Das ist keine Unterhaltung mehr. Sat.1 distanzierte sich halbherzig und versprach, in Zukunft nicht mehr mit Yotta alias Herrn Gillmeier zusammenzuarbeiten. Seine frauenfeindliche Vergangenheit? Das konnte doch wirklich niemand ahnen!

Tatsächlich dürfte man sich bei dem Sender genüsslich zum kalkulierten Skandal gratuliert haben. Es kann mir doch niemand erzählen, dass die Protagonisten keinem Hintergrundcheck unterzogen werden. Vor allem, wenn die Faktenlage so eindeutig ist wie beim Reichsbürger Xavier Naidoo vor seinem Rauswurf bei „Deutschland sucht den Superstar“ oder dem „Bachelor“ Sebastian Preuss und seinem Schwanengate. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Also ein bisschen. Nach dem Finale dann.

Desirée Nick - Schlampe ist in Berlin ein Kompliment

Zur Instanz in Sachen Etikette und Sittlichkeit schwang sich stattdessen ausgerechnet die Frau auf, die sich gerne die spitzeste Zunge Deutschlands nennen lässt und personalisierte Beleidigungen neuerdings sogar für Geld verfasst. In einem wortgewaltigen Facebook-Post erklärte Désirée Nick, ihre Ausfälligkeiten hätten im Vergleich zu den Kollegen Esprit und Niveau. Und Schlampe, das sei in Berlin ein Kompliment.

Ich weiß ja nicht, in welchen Kreisen die Dame verkehrt, aber ich habe meine Freundinnen noch nie so genannt. Und die anderen Teilnehmer? Während Boutiquenbesitzerin Claudia Obert sich eine Weile als Jeanne d’Arc der prekären Unterhaltung feiern darf, laufen Carina Spack Werbepartner davon, und Matthias Mangiapane lässt seinem Ehemann ausrichten, zu Hause sei er eigentlich ein ganz Lieber. Bastian Yotta verfolgt derweil die Strategie, die man auch von Politikern kennt: Immer nur das zugeben, was abzustreiten keinen Sinn mehr macht. Ich fürchte, wir werden wieder von ihm hören.