Auf dem roten Teppich

Homeoffice in Corona-Zeiten: Oben hui, unten pfui

Am angemessenen Outfit für Quarantäne und Homeoffice-Videokonferenzen scheiden sich die Geister. Eine Corona-Stilkritik.

Annika Schönstädt beobachtet das Leben der Promis in Berlin.

Annika Schönstädt beobachtet das Leben der Promis in Berlin.

Foto: pa/Reto Klar

Das Karl-Lagerfeld-Zitat „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“, wird derzeit reichlich überstrapaziert. Zum einen als Mantra derer, die meinen, eine Pandemie sei noch lange kein Grund, im Homeoffice die modische Contenance zu verlieren. Zum anderen von denen, die mit größter Genugtuung erklären, König Karl habe eben doch unrecht gehabt. Ha! Zwischen den beiden Parteien kann es keine Verständigung geben. Die Jogginghose ist eine Glaubensfrage, eine Lebenseinstellung. In diesen Zeiten mehr denn je. Ich gehöre zugegebenermaßen zur zweiten Gruppe. Und das nicht erst seit Corona. Mir reichen fünf Minuten Zwischenstopp zu Hause als Grund, um in die Joggingbüx zu wechseln. Mein Leben hatte ich bisher aber eigentlich ganz gut unter Kontrolle, meine ich.

Nun begab es sich in der vergangenen Woche, dass die Absolution für die Jogginghose von wirklich oberster Stelle erteilt wurde. Anna Wintour, Chefin der US-amerikanischen „Vogue“, mächtigste Frau im Modebusiness und Teufel in Prada, ließ sich zu Hause an ihrem Schreibtisch fotografieren. In Streifenpullover und roter Jogginghose. Ist das nun das Ende des Abendlandes oder der Beginn eines neuen Zeitalters der Freiheit, fragten sich Modekolumnisten weltweit. Vor allem war es wohl eine gut geplante Werbeaktion. Mit dem Instagram-Post zusammen angekündigt wurden nämlich die „Vogue Global Conversations“, eine Zoom-Gesprächsreihe über die Herausforderungen der Corona-Krise für die Modebranche. Dazu gibt es von der „Vogue“ gerade auch eine eigene Loungewear-Kollektion auf dem Markt. Sweatshirts, Hoodies und allerlei andere Schlabberklamotten mit dem Logo der Modebibel werden dort angeboten. Gemütlichkeit but make it Fashion.

Auch Designerin Lena Hoschek wird in der Krise erfinderisch und empfiehlt fürs Homeoffice, den Spaziergang an der frischen Luft oder zur romantischen Date-Night in den eigenen vier Wänden Blusen und Tops aus ihrer Kollektion, kombiniert mit einer Jogginghose. Oben hui, unten pfui gewissermaßen. Ähnlich handhabte es übrigens auch Anna Wintour. Die maximale Lässigkeit endete bei ihr allerdings erst oberhalb der Kinnline. Betonfrisur und Sonnenbrille trägt sie offensichtlich auch zu Hause im Videocall. Alles hat seine Grenzen. Bei mir ist die beim Thema Fingernägel erreicht. Vier Wochen ungeschminkt? Kein Problem. Ohne roten Nagellack würde ich mich hingegen niemals irgendwo blicken lassen.

Auch mein Make-up-Detox hatte Ende der vergangenen Woche aber leider ein Ende. Ich hatte einen Interview-Termin. Außerhalb meines Wohnzimmers! Mit einem echten Menschen! Schon Tage vorher war ich aufgeregt wie eine Dreijährige vor Weihnachten. Dazu Fragen über Fragen. Wie überwinde ich meine Fahrradphobie zur Umgehung des öffentlichen Nahverkehrs? Sitzt die selbst genähte Maske? Und vor allem: Was ziehe ich an?

Bei der Interviewten handelte es sich um Fernanda Brandao, ehemals Sängerin der Qualitätsformation Hot Banditoz und mittlerweile Fitnesstrainerin. Als wir uns mit 1,5 Meter Abstand gegenüberstanden, stellte ich fest, dass ich mir um mein Outfit überhaupt keine Gedanken hätte machen müssen. Die Deutsch-Brasilianerin trug nämlich Jogginghose. Natürlich nicht das ausgebeulte Modell Marke Neukölln-Quarantäne, aus dem ich mich eine Stunde zuvor gepellt hatte, sondern eine recht ansehnliche Trainingshose. Ihr Beruf habe den Vorteil, dass es gesellschaftlich vollkommen akzeptiert sei, dass sie zu jeder Tages- und Nachtzeit Jogginghose trage, erzählte sie mir. Ich war neidisch und fühlte mich um meinen Komfort betrogen. Waren Skinnyjeans eigentlich schon immer so eng? Und wer hat sich eigentlich das mit den Bügel-BHs ausgedacht? Ich hatte mich am Ende übrigens für mein Karl-Lagerfeld-Shirt entschieden.