Auf dem roten Teppich

Wenn man Prominente vom Home Office aus am Telefon erlebt

Interviews finden gerade nur am Telefon statt. Sonst ist das ungeliebte Ausnahme, nun aber Standard, schreibt Annika Schönstädt.

roter teppich kolumne

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Foto: Getty/Reto Klar / BM

Diese Kolumne war ursprünglich einmal dazu gedacht, Sie ein bisschen mit hinter die Kulissen zu nehmen. Mit auf den roten Teppich, zu den Partys und Premieren dieser Stadt, um sich dann gemeinsam darüber zu wundern oder zu freuen, was ich in meinem Job als Klatschreporterin so erlebe mit den Promis. Nun ist es leider so, dass ich in der vergangenen Woche kaum mehr Kontakt zu den Stars und Sternchen hatte als Sie.

Corona hat die Unterhaltungsbranche beinahe komplett zum Erliegen gebracht. Während ich das hier schreibe, sitze ich in Joggingbuxe an meinem zum Arbeitsplatz umgebauten Wohnzimmertisch und bin dankbar für jedes übrig gebliebene Telefoninterview – sonst eher das ungeliebte Stiefkind unter den Gesprächen mit Prominenten. Ich mache das eigentlich nur, wenn es gar nicht anders geht. Weil jemand sich im Ausland aufhält oder verschnupft zu Hause sitzt.

Es geht einfach zu viel verloren, vor allem wenn man sich noch nicht kennt. Humor und Ironie lassen sich häufig nicht transportieren oder werden im schlimmsten Fall falsch verstanden. Sympathie oder gar Gesprächsintimität, die Zauberformel für ein menschelndes Interview, lassen sich nur schwer herstellen. Was bleibt ist das reine Abarbeiten eines Fragenkatalogs.

Die Telefon-Situation führt mitunter zu herrlichen Situationen

Auf der anderen Seite führt die vermeintliche Häuslichkeit, in der sich der Gegenüber wähnt, hin und wieder aber auch zu herrlichen Situationen. Da wird am anderen Ende gegessen oder der Hund ausgeführt. Manchmal ruft Mama auf der zweiten Leitung an und will vertröstet werden. Wir alle erinnern uns an die hereinstürmenden Kinder des BBC-Korrespondenten Robert E. Kelly, während er gerade live im Fernsehen seriös über Südkorea referierte. Als ich einmal bei Michael Gwisdek zu Hause in der Schorfheide anrief, hatte ich zunächst seine Frau am Apparat.

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Der zu Interviewende musste erst einmal im Garten ausfindig gemacht werden. Das Gespräch war dann nicht nur amüsant, sondern hinterließ bei mir auch ein heimeliges Gefühl. Der Grund: Während wir uns unterhielten, hörte ich den Schauspieler leise in der Hörer pusten. Ich fühlte mich an frühere Zeiten erinnert, als meine Freundinnen und ich alle noch rauchten und dabei stundenlang telefonierten.

Über mein Handy stand ich auch schon im Garten von Sängerin Katie Melua in London oder mit Schauspieler René Ifrah bei Dauerregen unter einem Vordach in New York, wo er sich für unser Gespräch untergestellt hatte. Und wahrscheinlich hätte ich auch nie die Gelegenheit gehabt, einmal mit Pianist Lang Lang zu plaudern, wenn es die Möglichkeiten der Technik nicht gebe.

Auch die Berliner Klatsch-und-Tratsch-Community rückt enger zusammen

In der Redaktion haben wir für solche Fälle eine Telefonkabine, in der man zwecks Aufnahme des Interviews in die Freisprechanlage blöken kann, ohne die Kollegen im Großraumbüro in den Wahnsinn zu treiben. Seitdem das wegfällt und ich von zu Hause aus telefoniere, schleicht sich auch bei mir die eine oder andere Gemütlichkeit ein. Es könnte also sein, dass ich während der Interviews der kommenden Wochen ebenfalls Kaffee koche, die Wäsche wasche oder den Toilettenpapier-Einkauf erledige.

Das Schöne ist, in Zeiten der Krise rückt auf diese Weise auch unsere kleine Klatsch-und-Tratsch-Community in Berlin näher zusammen. Mit den Kollegen bin ich über WhatsApp-Gruppen verbunden. Mit Schauspielerin Gudrun Gundelach habe ich mich virtuell zur gemeinsamen Meditation verabredet, mit Designer Kilian Kerner zum Sport, wenn der Spuk vorbei ist. Bis dahin turne ich zu Hause mit den Trainingsvideos von Fitnessmodel Pamela Reif oder Hauptstadttrainer Erik Jäger, Pasta-Rezepte für die kulinarische Quarantäne bekomme ich von meinen Lieblingsköchen. Nach dem sozialen Overkill der Berlinale hätte ich nicht gedacht, dass sie mir alle so schnell fehlen würden. Ich freue mich, wenn wir uns bald gesund wiedersehen.