Auf dem roten Teppich

Die Parallel-Berlinale: Zwischen "Borchardt" und Bett

Theoretisch stehen beim Festival die Filme im Mittelpunkt. Praktisch bleibt dafür, neben all den Ausschweifungen, aber wenig Zeit.

roter teppich kolumne

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Foto: Getty/Reto Klar / BM

Seitdem ich von der Berlinale berichte – und das sind so sieben, acht Jahre – habe ich auf dem Festival einen einzigen Film gesehen. Ich glaube, es war ein französischer Indie-Film in einer Pressevorführung am Vormittag. Ich erinnere mich nicht mehr an die Geschichte oder die Hauptdarsteller. Aber darum ging es auch nicht. Ich wollte endlich einmal einen Film auf der verdammten Berlinale sehen. Irgendeinen. Denn waren die nicht ursprünglich einmal der Grund für den ganzen Stress?

Stattdessen verbringe ich meine Zeit gerade ausschließlich auf Partys und Empfängen und treffe dort – mit geringfügiger Rotation – immer die selben Menschen. Schauspieler, Models, Musiker, Agenten, Fotografen, Kollegen. Wenn man sich dann so unterhält, stellt sich heraus: Ich bin mit meinem Schicksal nicht allein. Niemand schaut Filme auf der Berlinale. Na gut, den Eröffnungsfilm vielleicht. Schließlich ist man dann schon mal da, im Berlinale Palast. Die Zeit bis zum ersten Glas kann man dann genau so gut im Warmen mit ein bisschen Unterhaltung verbringen. Dabei sei der Glamour doch nur Mittel zum Zweck, schmückendes Beiwerk, um das große cineastische Erlebnis zu feiern, erzählte mir Florian David Fitz auf dem Eröffnungsteppich. Er selbst müsse dann aber leider auch ganz schnell wieder weg. Termine, Termine.

Bei der Berlinale muss man sich entscheiden: Filme oder Feiern

Bei der Berlinale müsse man sich entscheiden, Filme oder Feiern, erklärte mir Franziska Weisz. Und was soll ich sagen: Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Das führt, laut Jasna Fritzi Bauer, zu einer Art Parallel-Berlinale zwischen „Borchardt“ und Bett. Filme? Werden in diesem Universum, das sich vollkommen aus Selbstzweck speist, völlig überbewertet. Produktionsfirmen, Magazine oder Sponsoren laden zur geselligen Zusammenkunft. Schauspieler gehen hin, schließlich möchte man ja auch in der kommenden Saison im Geschäft bleiben, und die Journaille pilgert hinterher.

Promis und Klatschreporter sitzen in dieser Hinsicht also in einem Boot. Das gilt auch für die Verschleißerscheinungen, die sich im Laufe der Zeit einstellen. Denn: Zehn Tage sind lang, die Nächte ebenfalls, der Alkohol ist umsonst und der Berliner Winter kalt. Das ergibt in der Summe drei kriegsentscheidende Fragen: Was ziehe ich an? Wie vermeide ich, frühzeitig von der Berlinale-Grippe dahingerafft zu werden? Und wie halte ich die Champagnervergiftung im Rahmen?

Erstes Wochenende der Berlinale ist größte Herausforderung

Die größte Herausforderung ist dabei das erste Wochenende. Ufa, Bunte, Bild, Bulgari, Medienboard, Studio Babelsberg, L’oréal, ARD – alle quetschen ihre Partys auf möglichst kleinen Raum. Betrinke dich nicht gleich am ersten Abend, wäre da ein kluger Ratschlag, fand auch Saralisa Volm – also theoretisch –, als sie sich am zweiten Abend mit schwerem Kopf zur Festival Night schleppte.

Natürlich gibt es auch die Eisernen, die Profis, die aus Erfahrung klug gewordenen. So wie Iris Berben, die das ganze Festival über beim Wasser bleibt und sich nach ein paar obligatorischen Fotos von der Party schleicht. Ich gehöre nicht dazu. Genau so wenig wie die meisten anderen Mitglieder unserer kleinen Parallelgesellschaft.

Zweite Woche der Berlinale sehr viel ruhiger

Beruhigend zu sehen: Selbst Johnny Depp scheint diese Lektion nach über 30 Jahren im Filmgeschäft noch nicht gelernt zu haben. Oder beschlossen zu haben, sie zu ignorieren. Während der Hollywoodstar bei der nachmittäglichen Pressekonferenz zu seinem Film „Minamata“ noch einen ganz aparten Eindruck machte, musste er wenig später von Bodyguards gestützt werden. Ich möchte glauben, dass es nicht am Gewusel am roten Teppich lag.

Die zweite Berlinale-Woche ist dann erfahrungsgemäß sehr viel ruhiger. Und praktischerweise fällt sie in diesem Jahr auf den Beginn der Fastenzeit. Vielleicht schaffe ich es also in den kommenden Tagen doch noch mal ins Kino. Vielleicht gehe ich aber auch einfach früh ins Bett.