Auf dem roten Teppich

Warum ich manchmal froh bin, nicht prominent zu sein

Feminismus hat immer noch ein Imageproblem. Leider ist die Klatschbranche in dieser Hinsicht kein gutes Vorbild.

Annika Schönstädt schreibt über Feminismus in der Klatsch-Branche.

Annika Schönstädt schreibt über Feminismus in der Klatsch-Branche.

Foto: BM / pa

Ich war neulich für unsere sonntägliche Genussseite ein Restaurant testen. Fünf Gänge gutbürgerliche Küche. Für mich kein Problem. Essen? Kann ich! Den betagteren Inhaber der Lokalität versetzte das offenbar in Erstaunen. Jedenfalls fühlte er sich bemüßigt mir mitzuteilen, dass an mir ja „gar nichts dran“ sei.

Seit ich mich erinnern kann, haben Menschen ungefragt meinen Körper kommentiert. Ich sage hier bewusst Menschen, denn Frauen sind nicht viel besser als Männer, wenn es darum geht, einer Geschlechtsgenossin zum Thema Idealfigur, oder was sie dafür halten, einen mitzugeben. Nur die Konnotation ist dann eine andere. Männer analysieren die Verfügbarkeit, Frauen die Konkurrenz.

Ich bekam auch schon einen Leserbrief von einer Dame, die sich über mein nebenstehendes Kolumnenbild ereiferte. Bei meinem Anblick in der Zeitung bekäme sie jeden Montag schlechte Laune. Sie könne sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass es nur ihr so gehe, sie bitte deshalb um Austausch. Mit freundlichen Grüßen und so weiter ...

Gott sei Dank bin ich nicht prominent

Gott sei Dank bin ich nicht prominent, denke ich in solchen Momenten immer wieder. Wie ich mich kleide und verhalte, welche Lebensentscheidungen ich bezüglich meiner Fortpflanzung treffe und wen ich date, wird für meinen Geschmack zwar hinreichend beurteilt, aber wenigstens ist nicht die komplette deutsche Öffentlichkeit daran beteiligt.

Iss mehr! Iss weniger! Halt dein Kind nicht in die Kamera! Warum zeigt sie uns ihre Kinder nicht? Diese großen Brüste – sind doch gemacht! Diese kleinen – wie unweiblich! Und das ist nur ein kleines Best of in den Kommentaren unter den Instagram-Posts von Sophia Thomalla, Cathy Hummels oder Daniela Katzenberger.

Leider ist gerade meine Branche ein Negativbeispiel dafür, wie Sexismus, Slut- und Bodyshaming nicht nur toleriert, sondern nach wie vor aktiv befeuert werden. Kein Sommer ohne „Dellen-Alarm bei den VIP-Ladys“, keine Ü40-Frau ohne Kind und Mann, der nicht ein unglückliches Leben angedichtet wird. Und ist es bei Sylvie Meis und ihrem neuen Freund dieses Mal nun endlich für immer?

Das altbackene Geschlechterbild ist erschreckend

Wenn ich die einschlägigen Klatschblätter aufschlage, bin ich regelmäßig erschrocken von dem altbackenen Geschlechterbild, das dort propagiert wird. Caroline Goddet versöhnt sich mit ihrem Ehemann Erol Sander, den sie vorher wegen häuslicher Gewalt angezeigt hatte: wie romantisch, eine Liebessensation! Irina Shayk ist nach der Trennung von Bradley Cooper gezwungen zu modeln, um ihren Lebensunterhalt als alleinerziehende Mutter zu bestreiten: hin- und hergerissen zwischen Catwalk und Kindergarten! Und Heidi Klum bringt mit Ehemann Nummer drei nun hoffentlich und endlich Ordnung in ihr chaotisches Leben!

Bei RTL verteilt gerade ein Bachelor die Rosen, der der Ansicht ist, die Frau an seiner Seite habe sich zuallererst um seine Bedürfnisse zu kümmern. Wer nicht knutscht, fliegt raus. Nicht, dass die Sendung sonst ein sonderlich gutes Beispiel für Female Empowerment wäre, aber dieses Mal haben sich die Caster wirklich selbst übertroffen.

Jürgen von der Lippe faselt derweil ganz ironiefrei in der „Bild am Sonntag“, als Mann traue man sich nach #metoo nicht mehr, eine Frau anzugraben, das gelte ja schnell als übergriffig. Der Fortbestand der Menschheit sei quasi in Gefahr. Und Rolf Eden wurde kürzlich zum 90. Geburtstag als der letzte Playboy hinterhergetrauert. Hach, das waren noch Zeiten, als der Mann noch ein richtiger Mann sein durfte.

Auf die Facebook-Kommentare darf man gespannt sein

Glücklicherweise gibt es auch positive Beispiele. Hanno Koffler erzählte mir jetzt im Interview, er habe das Bedürfnis, sich als Vater von zwei Töchtern mehr für Feminismus zu engagieren. Und auch ich sollte mehr solcher Texte schreiben. Nicht nur mit dem Internationalen Frauentag vor der Tür. Ich freue mich schon jetzt auf die Facebook-Kommentare.