Auf dem roten Teppich

Wie das Theater Lars Eidinger entzauberte

Wer prominente Schauspieler einmal ganz ungeschönt erleben möchte, der sollte in Berlin ins Theater gehen, weiß Annika Schönstädt

Annika Schönstädt berichtet vom roten Teppich.

Annika Schönstädt berichtet vom roten Teppich.

Foto: Getty/Reto Klar / BM

Berlin. Ich war neulich im Theater. Vier Stunden „Unendlicher Spaß“ nach dem Roman von David Foster Wallace an der Volksbühne. Das Stück war ausverkauft, an einem Mittwochabend, im Publikum saßen hauptsächlich junge Menschen, die nicht den Eindruck machten, als hätte sie ihr Deutschlehrer zu dem Besuch gezwungen. Solange die Theater so hoch frequentiert sind, kann es um die Jugend doch gar nicht soooo schlecht bestellt sein, wie gemeinhin behauptet wird, dachte ich.

Zugegebenermaßen wird einem in Berlin an den einschlägigen Häusern aber auch einiges geboten. Nicht nur inhaltlich, sondern auch was die Prominenz der Hauptdarsteller angeht. In der vergangenen Woche sah ich also Devid Striesow und Jasna Fritzi Bauer sich am Rosa-Luxemburg-Platz verausgaben. Zum Ensemble gehört auch Jella Haase, im Deutschen Theater oder am Berliner Ensemble kann man regelmäßig Ulrich Matthes, Martin Wuttke, Nina Hoss oder Matthias Brandt erleben.

Der Theaterbesuch lohnt sich auch aus Klatschreporter-Sicht

Abgesehen von der Tatsache, dass man große deutsche Schauspieler im Theater wirklich einmal unmittelbar beim Ausüben ihrer Kunst beobachten kann, lohnt sich der Besuch manchmal auch aus Klatschreportersicht. Selten bekommt man so viel prominente nackte Haut zu sehen. Und ich spreche hier nicht von weichgezeichneten Filmaufnahmen mit vorteilhaftem Licht und wohlwollenden Schnitten, von für diesen Moment gestählten Muskeln.

Das Theater ist erbarmungslos. Zu den Zuschauern, aber vor allem zu den Schauspielern. Wie Instagram ohne Filter. Da gibt es im gleißenden Scheinwerferlicht vom Leben geformte Körper. Spucke, Schweiß und andere dem Menschen eigene Hässlichkeiten.

Manchmal ist die körperliche Nacktheit aber nicht die eigentliche Entblößung. In seiner Performance „Ich ist ein anderer dieses wir bin nicht eine Pfeife (Metaware)“ erzählt Mark Waschke an der Schaubühne vom Scheitern seiner Ehe und der Beziehung zu seinem Vater. Obwohl er auch in Interviews sehr freimütig ist, möchte er darüber außerhalb der Bühne lieber nicht sprechen.

Ich frage mich, ob die Schauspieler das Theater als intimen Raum und das Stück als flüchtigen Moment begreifen, um sich derart zu öffnen. Zwar stehen sie für den Augenblick nackt im Rampenlicht, jedoch ohne außerhalb der Köpfe des Publikums Spuren zu hinterlassen. Kein Zurückspulen, keine Screenshots, keine Wiederholungen.

In den meisten Fällen lässt mich ein solcher Theaterbesuch nachhaltig beeindruckt zurück. Nur in einem Fall führte er zu einer Entzauberung, die ich bis heute nicht richtig verkraftet habe. Wie gefühlt jede Frau in meinem Umfeld hatte ich jahrelang eine ausgeprägte Schwäche für Lars Eidinger. Ich tanzte bei seiner „Autistic Disco“, schmachtete am roten Teppich und vermied es tunlichst, jemals ein Interview mit ihm zu führen. Ich hatte mich in meiner Illusion vom schönen, schlauen Lars sehr komfortabel eingerichtet.

Die Kollegen wurden zu Statisten, Shakespeare zum Mittel zum Zweck

Dann kam der Tag, als ich ihn in „Hamlet“ einmal auf der Bühne erlebte. Eine eindrucksvolle Performance – ohne Frage. Nur leider fand ich den Hauptdarsteller in seiner raumgreifenden Darstellung, die Kollegen zu Statisten und den Shakespeare-Stoff zum Mittel zum Zweck degradiert, überhaupt nicht mehr attraktiv.

Nichts war danach mehr wie zuvor. Lars Eidingers DJ-Überpräsenz bei jeder beliebigen Aftershowparty, begann mich zu nerven, seine Äußerungen über die eigene Gutbetuchtheit zu irritieren und seine Egozentrik abzustoßen. Die Fashionstatement gewordene Alditüte und das dazugehörige Foto vor einem Obdachlosenlager war da nur die Spitze des Eisbergs.

Ende des Monats beginnt die Berlinale und ich vermute, dass wir uns in dieser Zeit wieder häufiger über den Weg laufen. Ich werde mir dann wünschen, ich wäre niemals ins Theater gegangen. Aber wie bei allen guten Dingen gilt vielleicht auch hier: Ein bisschen Schwund ist immer.

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