Auf dem roten Teppich

Das Leben eines Klatschreporters ist voller absurder Momente

Die Medienbranche hat einen Hang zur großen Inszenierung. Als Reporter gerät man häufig in skurrile Situationen, sagt Annika Schönstädt

Annika Schönstädt berichtet vom roten Teppich.

Annika Schönstädt berichtet vom roten Teppich.

Foto: Getty/Reto Klar / BM

Berlin. In die Reihe „Absurde Momente im Leben eines Klatschreporters“ fiel in der vergangenen Woche eindeutig die Premiere von Til Schweigers romantischer Komödie „Die Hochzeit“ im Zoo Palast. Neben dem üblichen Roter-Teppich-Brimborium durften Gäste und Presse nämlich einer tatsächlichen Trauung beiwohnen. Nadine und Mario aus der Nähe von Stuttgart gaben sich das Jawort mit Schweiger als Trauzeuge. Sie hatte sich für das Spektakel via Instagram beworben und ihn damit überrascht. Das muss Liebe sein.

Ich beobachtete also diesen „schönsten Tag im Leben“ und fragte mich: warum? Warum um alles in der Welt heiratet man lieber mit Til Schweiger und lauter fremden Menschen statt im Kreise von Freunden und Familie? 15 Minutes of Fame? Für mehr Instagram-Follower? Oder findet man das wirklich romantisch? Aus PR-Sicht war das Ganze natürlich eine Meisterleistung.

Ob mein Jobberater wirklich so etwas gemeint hat?

Immer wenn in Berlin ein roter Teppich ausgerollt wird, stehen Eventplaner vor der Herausforderung, das übersättigte Hauptstadtpublikum mit neuen Superlativen zu unterhalten. Kinopremieren werden da häufig zu freizeitparkartigen Themenwelten. Für die Erstaufführung von „Jumanji“ verwandelte sich das Sony Center in einen Dschungel, für „Baywatch“ wurde ein ganzer Strand aufgeschüttet. Als Goodie gab es die berühmten roten Bojen, mit denen in den 90ern David Hasselhoff und Pamela Anderson am Strand von Malibu entlanghechteten. Ich habe jetzt also auch eine. Man kann ja nie wissen.

Dass Pressekonferenzen an der Sony-Center-Riviera, Partys, auf denen Lars Eidinger mitten in einem DJ-Set die Hosen herunterlässt, oder Bällebäder mit Sylvie Meis und Sophia Thomalla im Obergeschoss des „Borchardt“, während unten ein Pferd einreitet, einmal zu meinem Alltag gehören würden, hätte ich vor 20 Jahren nicht für möglich gehalten. Heute nenne ich es Arbeit und frage mich, ob der Jobberater in der Schule so etwas im Sinn hatte, als ich ihm sagte, ich würde gern etwas mit Menschen machen.

Ehrlicherweise merkt man irgendwann nicht einmal mehr, wie surreal das alles ist. Ausnahmen sind wenige lichte Momente, in denen ich über mich selbst und meine Branche den Kopf schüttele. Beispielsweise als Nachwuchsmodel Kaia Gerber im Kraftwerk in Mitte einmal eine Luxusuhr präsentierte. Zur Event-Choreografie mit goldenen Bäumen, auf Schaukeln schwebenden Elfen und verwunschenen Brunnen gehörten auch an die Wand montierte Hähne, aus denen zarter Nebel strömte. Cocktails in gasförmigem Aggregatzustand, wie ich herausfand. Unter güldenen Röhren hingen also Frauen in Abendkleidern, um sich zu einem anständigen Rausch zu inhalieren. Ähnlich dekadent war die Wiedereröffnung des Ritz-Carlton am Potsdamer Platz, bei der die Feiermeute im Champagnerrausch eine ganze Suite verwüstete.

Wenn plötzlich ein nackter Mann auf deinem Schoß sitzt

Bei der Premiere der Show „Magic Mike“ mit Channing Tatum hatte ich neulich unverhofft einen nackten Mann auf dem Schoß. Was tut man nicht alles für den Job. Im Laufe der Jahre fand ich mich zudem schon in Situationen mit Bryan Adams auf der Damentoilette, mit dem Mann, der beruflich Atze Schröder ist, auf zu viele Drinks in Neukölln, mit Thomas Gottschalk in einem Club in Mitte und auf einer anderen Tanzfläche beim „Stern des Südens“-Singen mit den Spielern des FC Bayern München.

Sind das die berühmten Momente, von denen man später im Schaukelstuhl seinen Enkelkindern erzählt? Ich fürchte, das nimmt mir doch niemand ab. Vielleicht schreibe ich irgendwann auch ein Buch darüber. Zur Not lässt sich das dann immer noch als Fiktion verkaufen. Bis dahin freue ich mich noch auf das Sammeln von neuen Begebenheiten der übernatürlichen Art. Oder um einen Kollegen zu zitieren: Würde ich das nicht machen, müsste ich ja arbeiten gehen.

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