Auf dem roten Teppich

Was Klatsch über Promis und Adel mit Kultur zu tun hat

Adelsklatsch und Kultur sind eng verbunden. Warum man sich seiner Leidenschaft nicht schämen muss, analysiert Annika Schönstädt.

Foto: Getty/Reto Klar / BM

Das Promijahr neigt sich angenehm unspektakulär dem Ende zu. Florian Silbereisen hat das Traumschiff nicht zum Sinken gebracht, die Weihnachtsshow von Helene Fischer muss in allen Details seit Tagen für Startseitennews herhalten, und Lena Gercke stellt klar, sie habe sich NICHT die Brüste vergrößern lassen. Trotz gegenteiliger Spekulationen. Alles läuft nach Plan. Also nach meinem.

Womit ich nicht gerechnet hätte: Während ich zufrieden auf dem Sofa rumfaulte, habe ich nebenbei noch etwas über den Namensgeber dieser Kolumne gelernt. Den roten Teppich. Der geht auf die "Orestie" von Aischylos zurück, so erfuhr ich, während ich der dritten Niederlage beim Trivial-Pursuit-Duell Eltern gegen Kinder entgegensah.

Agamemnon kehrt aus dem Trojanischen Krieg zurück und bekommt von seiner Frau Klytaimnestra zur Begrüßung einen purpurnen Teppich ausgerollt. Der war bis dato den Göttern vorbehalten. Agamemnon ziert sich zunächst, lässt sich dann aber doch zum Betreten überreden. Leider geht die Geschichte nicht gut für den König aus. Er wird kurze Zeit später von Klytaimnestra erdolcht. Da sage noch einmal jemand, Adelsklatsch habe mit Kultur nichts zu tun.

Der Rosamunde-Pilcher-Darsteller spielt eigentlich Theater, schon klar

Leider gilt die Berichterstattung über Royals heute dank Blättchen wie „Neue Post“ oder „Frau im Spiegel“ oft als Schmuddelkind meiner Branche. Das liegt wohl daran, dass die Mitglieder von Königshäusern zwar Gegenstand zahlreicher Fantasien sind, sich aber nach Möglichkeit bedeckt halten, was Haus- und Hofgeschichten betrifft. Also muss ein bisschen nachgeholfen werden. Mit Prinzessinnenzwist, Babygerüchten oder Haushälterenthüllungen. Und warum stand auf dem Schreibtisch der Queen bei ihrer Weihnachtsansprache in diesem Jahr eigentlich kein Bild von Harry und Meghan?

Ich nahm mir vor, mir die Aischylos-Anekdote zu merken. Zum bildungsbürgerlichen Klugscheißen, wenn wieder einmal jemand die Ernsthaftigkeit meiner Profession infrage stellt. Tatsächlich brauchte ich eine Weile, bis ich meinen Frieden mit meinem Betätigungsfeld gemacht hatte. Ich habe Geschichte und Germanistik studiert. Berufsziel: Lektorat für historische Sachbücher. Hat ja fast geklappt. Die ersten Jahre erzählte ich höchst ungern davon, wo ich gelandet war. Und ich glaube, vielen Prominenten geht es genau so.

Wenn mir beispielsweise der Rosamunde-Pilcher-Hauptdarsteller erzählt, dass er ja eigentlich Theater spielt. Oder die TV-Krimi-Kommissarin statt über ihren neuen Fall lieber über ein geplantes Arthouse-Projekt spricht. Katrin Sass sagte mir neulich, wenn es nach ihr ginge, würde sie überhaupt nicht mehr arbeiten. Aber irgendwo müsse das Geld schließlich herkommen. Das ist eine Herangehensweise, sich mit dem eigenen Broterwerb zu arrangieren. Im besten Fall findet man Freude an dem, was man tut oder lässt es, dem inneren Gleichgewicht zuliebe, ganz bleiben.

Der rote Teppich gebührt den Göttern

Erstaunlich im Reinen mit sich sind meinem Eindruck nach die Schlagersänger, die mir begegnen. Vielleicht, weil sie ihre Musik wirklich mögen. Vielleicht auch, weil die überschwängliche Verehrung der einen Hälfte der Bevölkerung über die leidenschaftliche Ablehnung der anderen hinwegtröstet. Denn mangelnde Anerkennung – oder solche von der vermeintlich falschen Seite – kann unangenehm am Ego nagen.

Als Elyas M’Barek bei der Premiere von „Der Fall Collini“ gefragt wurde, ob er sich freue, nach drei „Fack ju Göhte“-Filmen nun seine dramatische Seite zeigen zu können, wehte plötzlich ein eiskalter Wind über den roten Teppich. Über Til Schweiger und sein Unvermögen, die Verrisse des Feuilletons zu ignorieren, habe ich mich schon ausführlich ausgelassen. Millionen Kinobesucher hin oder her. Vielleicht würde es den beiden helfen, bei solchen Gelegenheiten auch an Aischylos zu denken. Der rote Teppich schließlich, gebührt den Göttern.

Mehr Kolumnen von Annika Schönstädt finden Sie hier.