Auf dem roten Teppich

Charity-Veranstaltungen dienen nicht nur der guten Sache

Im Dezember häuft sich die Zahl der Charity-Veranstaltungen. Nicht alle sind frei von Selbstinszenierungen, weiß Annika Schönstädt.

Annika Schönstädt berichtet aus der Welt der Prominenten.

Annika Schönstädt berichtet aus der Welt der Prominenten.

Foto: Getty/Reto Klar / BM

Berlin. Die Charity-Saison ist eröffnet. In anderen Kulturkreisen nennt man es auch Vorweihnachtszeit. In meinem E-Mail-Postfach und Kalender überschlagen sich derzeit die Ereignisse. Einladungen und Spendenaufrufe in Hülle und Fülle. Wer hat noch nicht, wer will noch mal? Dabei eignet sich, so stelle ich fest, im Prinzip jede Aktivität für den guten Zweck. Minigolf für den Weltfrieden, Designersale für Hundewelpen, Tätowieren für Wohlstandsversehrte. So etwas in der Art. Ich bekomme diese Nachrichten mit der Bitte, darüber zu berichten.

Und natürlich spricht erst einmal nichts dagegen. Sind Organisation und Zweck seriös und ein paar Prominente dabei, kann ich die Arbeit mit dem Nützlichen verbinden. Ersteres lässt sich beispielsweise auf der Seite des DZI-Spendensiegels überprüfen. Und warum sollten VIPs ihre Bekanntheit nicht dafür nutzen, Aufmerksamkeit für eine gute Sache zu generieren?

Frank Zanders Weihnachtsessen ist angesehen bei Berlinern

Einen besonderen Platz im Herzen der Berliner nimmt beispielsweise Frank Zander mit seinem Weihnachtsessen für Obdachlose und Bedürftige im „Estrel“-Hotel ein. Zum mittlerweile 25. Mal lädt der Sänger und Entertainer zur Gänsekeule nach Neukölln und wird dabei in diesem Jahr von Michael Müller, Carmen Nebel, Axel Schulz, Simone Thomalla und – per Videobotschaft – sogar von David Hasselhoff unterstützt.

Ein Anzeichen dafür, dass jemandem eine Sache wirklich wichtig ist, ist auch das Engagement über den Dezember hinaus. So wie bei Heinz „Cookie“ Gindullis und seiner Organisation Charity at, die sich seit mehr als zehn Jahren für ein Kinderdorf in Tansania starkmacht, Maria Furtwängler und ihrer Malisa-Stiftung, die gegen Gewalt gegenüber Frauen kämpft, oder Sylvie Meis und Guido Maria Kretschmer mit ihrer Arbeit für DKMS Life. Der Dreamball für an Krebs erkrankte Frauen ist jedes Mal eine herzerwärmende Veranstaltung, bei der ich schon hin und wieder durchaus heimlich ein Tränchen verdrückt habe.

"Raffaello Summer Day" mit zweifelhaftem Sinn

Ohne Frage gibt es auch den Rest des Jahres Charity-Veranstaltungen mit zweifelhaftem Sinn. So wie der Raffaello Summer Day. Mit den Kosten für die eingeflogene Hollywoodprominenz dürfte der Spendenscheck in der Größenordnung um 35.000 Euro nur annähernd mithalten können. Die Übergabe wird nach einem stundenlangen roten Teppich möglichst schnell und unpersönlich über die Bühne gebracht. Dabei versichern die Geladenen beständig ihre Liebe zur Süßigkeit ganz ohne Schokolade.

Im Red-Carpet-Kosmos erfüllen aber auch diese Events ihren Zweck. Die Presse hat im Sommerloch etwas zu berichten und einschlägig bekannte Gäste sichern sich ihre Existenzberechtigung. Wie sonst wäre es möglich, dass manche prominente Dame die Wohltätigkeit sogar zum Vollzeitberuf gemacht hat? Charity-Lady nennt sich das dann und fällt häufig in die gleiche Kategorie wie, sagen wir mal Handtaschendesignerin. Das klingt doch gleich viel besser als nur Spielerfrau oder „die Frau von …“ Jede Frau sollte doch etwas Eigenes haben. Das Jodeldiplom für Bessergestellte gewissermaßen.

"Ein Herz für Kinder" bleibe ich dieses Jahr fern

Zu keiner Jahreszeit ist nun aber die Dichte an Charity-Veranstaltungen höher als vor Weihnachten. Der Geldbeutel sitzt locker, das Herz ist weich, die Gelegenheit ist günstig. Bei der „Ein Herz für Kinder“-Spendengala kommen jedes Jahr unglaubliche 16 bis 18 Millionen Euro zusammen. Akquiriert von tränendrüsigen Videoeinspielern, Prominenten am Spendentelefon und großzügig aufgerundet vom Menschenfreund Carsten Maschmeyer.

Die Summe ist ohne Frage beeindruckend. Ich finde die Gala aufgrund der Selbstinszenierung der Veranstalter dennoch relativ schwer erträglich. In dieser Woche ist es wieder so weit. Ich werde dieses Mal aber eine Runde aussetzen. Die Chefin hat’s erlaubt. Ich denke aber, es wird auch ohne mich gehen.