Auf dem roten Teppich

Von Magie und Missverständnissen

Gute Interviews mit Prominenten setzen eine gewisse Sympathie voraus. Fehlt dieser Faktor, kann es schnell unangenehm werden.

Annika Schönstädt beobachtet das Leben der Promis in Berlin.

Annika Schönstädt beobachtet das Leben der Promis in Berlin.

Foto: Getty/Reto Klar / BM

Sie werden das kennen, es gibt so Tage, da läuft es einfach nicht. Unangenehm wird es allerdings, wenn aus Tagen Wochen werden. So wie zurzeit in meinem Fall. Was Interviews angeht, habe ich gerade einfach keinen guten Flow. Mein Mojo ist mir abhanden gekommen. Oder wie es Andreas Brehme ausdrücken würde: Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß. Ich mache den Promis da gar keinen Vorwurf. Mir allerdings auch nicht.

Denn der entscheidende Faktor für die Magie, die ein Interview zu einem echten Gespräch werden lässt, ist meiner Meinung nach ganz irrationaler Natur. Zumindest gilt das für den Klatschbereich. Schließlich geht es hier nicht um das Abfragen von Fakten, sondern um menschelnde Geschichten. Mein Gegenüber soll mir etwas möglichst Privates erzählen, mich ganz nah an sich heranlassen. Und das, obwohl wir uns im Zweifelsfall noch nie zuvor getroffen haben. Dafür ist es notwendig, dass man sich sympathisch ist. Dass man innerhalb kürzester Zeit eine Verbindung zueinander aufbauen kann. Eine flauschige Wohlfühlatmosphäre, als säße man mit dem besten Freund beim Kaffee.

Sich gut vorzubereiten, schadet nie

Natürlich schadet es nie, sich auf ein Interview gut vorzubereiten. Nichts ist unangenehmer, als vom Gesprächspartner auf eine offensichtliche Wissenslücke angesprochen zu werden. „Herr M’Barek, wie war Ihre erste Zusammenarbeit mit Bora Dagtekin für ‚Das perfekte Geheimnis?‘“ „Ach, Sie haben auch schon die Hauptrolle in ‚Fack ju Göhte‘ gespielt?“ Ich lese vorher also viel, schaue Filme, höre Musik und checke Social-Media-Kanäle. Anschließend schreibe ich mir Fragen auf. Wenn die Chemie stimmt, ist das alles aber fast egal. Ein paar Eckdaten, klar, ein grobes Ziel. Aber dann lasse ich das Gespräch einfach laufen. So entstehen die besten Geschichten.

Zugegebenermaßen glaube ich deshalb auch nicht an Interviews mit Hollywoodstars in der Form, wie sie zu Promotouren üblich sind. Mehr als PR-Floskeln kommen dabei selten rum. Der Reiz besteht allein darin, jemandem wie The Rock, Angelina Jolie oder Jennifer Lawrence leibhaftig gegenüber zu sitzen.

Wenn der Seelen-Strip der Promis irritiert

Eine weitere Möglichkeit für ein gelungenes Interview ist ein Prominenter, der mit einem ausgeprägten Seelenexhibitionismus ausgestattet ist. Und davon gibt es gar nicht so wenige. Als Journalistin finde ich das natürlich super. Als Privatperson bin ich meistens irritiert. Warum schreibt Dana Schweiger ein Buch über die Seitensprünge von Til? Warum berichtet Verona Pooth bei Johannes B. Kerner unter Tränen von der Ehe mit Dieter Bohlen?

Habe ich wirklich so eine vertrauenswürdige Dr.-Sommer-Ausstrahlung oder wie kommt es, dass mir eine Schauspielerin beim Dinner von ihrem kreisrunden Haarausfall und schmerzenden Brustwarzen erzählt? Oder eine Musikerin vom ersten Sex mit ihrem Freund hinter einem Vorhang bei einer Party? Waren diese Menschen schon immer so auskunftsfreudig? Oder verschiebt sich nach Jahrzehnten im Rampenlicht ganz einfach die natürliche Schamgrenze?

Ist keiner der genannten Faktoren erfüllt, kann ein Interview hingegen schnell zäh werden. Im besten Fall steht man das durch und lebt mit einem durchwachsenen Ergebnis. Im schlechtesten Fall gerät man aneinander. Anna Loos fühlte sich von mir einmal in die DDR-Schauspieler-Ecke gedrängt (Sie als Wessi verstehen das nicht!), Maximilian Brückner empfand sich als Opfer von Klischees (Bei Ihnen gibt es nur Schwarz oder Weiß!) und Mark Forster antworte mir auf die Frage nach seinem Beziehungsstatus einmal mit: „Das geht dich gar nichts an!“ Womit er natürlich nicht ganz unrecht hatte.

Trotzdem bin ich der festen Überzeugung, diese Gespräche wären ganz anders verlaufen, hätte jemand anderes die exakt gleichen Fragen gestellt. Manchmal passt es eben einfach nicht. Passt es doch, habe ich allerdings den schönsten Job der Welt.