Auf dem roten Teppich

Wann ist der Mann ein Mann?

Moderatorin Barbara Schöneberger äußert sich über Make-up für Herren. Das wirft so manche Fragen auf, meint Annika Schönstädt.

Barbara Schöneberg (Archivbild).

Barbara Schöneberg (Archivbild).

Foto: Jens Kalaene / dpa

Berlin. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich an dieser Stelle geschrieben, dass Barbara Schöneberger eine meiner liebsten Prominenten ist. Leider hat die Liebe zuletzt ein bisschen gelitten. Sie wissen schon, das Schminkvideo. Männer sollten doch, bitteschön, auf Make-up verzichten, befand sie. „Irgendwo ist mal Schluss. Ich möchte, dass der Mann ein Mann bleibt.“ Bäm! Das ist schon harter Tobak.

Wann ist der Mann ein Mann? Barbara Schöneberger hat da ziemlich klare Vorstellungen. Ein nachgeschobenes Erklärfilmchen machte die Sache nicht besser. Das Schminkverbot gelte selbstverständlich nicht für „bunte“ Männer. Im Boulevardmediensprech gern als „Paradiesvögel“ bezeichnet. Riccardo Simonetti, Julian F. M. Stoeckel, Bill Kaulitz – als irgendwie lustig und deshalb trotz Genderfluidität harmlos kategorisierte Männer, mit denen sich sogar Tante Trude identifizieren kann. Auf der Beliebtheitsskala nur übertroffen vom netten Modedesigner von nebenan.

Hintergrund: „Geschminkte Männer“: Schöneberger wehrt sich gegen Kritik

Wer hätte nicht gern Guido Maria Kretschmer als beste Freundin? Danach wird die Luft allerdings schnell dünn. Selten bekam ich so viele empörte Zuschriften wie nach Berichten, in denen ich Conchita Wurst mit dem Pronomen „sie“ bezeichnet hatte. Es handle sich hier doch eindeutig um einen Mann! Beim Thema Männer und Geschlechterrollen, so merkte ich, ist das Erregungspotenzial hoch. Lesbische Frauen hingegen bleiben in der Prominentenwelt weitestgehend unsichtbar. Sie müssen ohne die Paradiesvogel-Lobby auskommen und werden bestenfalls unkommentiert akzeptiert, wenn sie so fantastisch sind wie Anne Will oder Dunja Hayali.

Barbara Schönebergers Kommentar: Prominente verzichten lieber auf ein Outing

Dass selbst in der Blase der als offen und tolerant geltenden Medienbranche viele Prominente lieber auf ein Outing verzichten, dazu tragen Kommentare wie der von Barbara Schöneberger bei. Natürlich muss niemand öffentlich über seine Sexualität sprechen. Im Interview mit einem Ex-Fußballnationalspieler, der zu diesem Zeitpunkt als Berater arbeitete, fragte ich einmal, ob er dem Nachwuchs heute noch immer von einem Outing abraten würde. Statt einer Antwort bekam ich eine entrüstete Rechtfertigung zu Gerüchten um seine Person. Er sei nicht schwul, ein für alle Mal. Mir tat das im Nachhinein leid, ich hatte nicht beabsichtigt, ihn in die Ecke zu drängen. Dass jemand so emotional reagiert, weil er für homosexuell gehalten wird, finde ich beschämend für unsere Gesellschaft.

Bei den GQ „Men of the Year“-Awards vor ein paar Tagen warb Hape Kerkeling für Verständnis für Barbara Schöneberger. Er möge auch keine geschminkten Männer, behalte das aber für sich. Alles nicht so dramatisch, sollte das wohl heißen. Offiziell abgesegnet von einem schwulen Mann. Doch wenn es tatsächlich nur darum ging, dass geschminkte Männer nicht dem Beuteschema von Barbara Schöneberger entsprechen, frage ich mich, warum die Notwendigkeit bestand, das zu kommunizieren? Wurde sie zuletzt mit eindeutigen Angeboten von Make-up tragenden Männern überhäuft und wollte sagen: Sorry, Jungs, kein Interesse? Ich denke nicht. Stattdessen war es wohl eher ein generelles Unbehagen, ein Infragestellen von Männlichkeit und letztendlich die Aussage: Du bist nicht richtig, so wie du bist.

Wenn sich doch einmal ein Prominenter outet, gibt es immer auch Stimmen, die befinden, das sei heutzutage vollkommen überflüssig und reine Wichtigmacherei. Es müsse deshalb ja schließlich niemand mehr ins Gefängnis oder Schlimmeres. Ich denke, jede öffentliche Person, die diesen Schritt geht, ist ein wichtiges Vorbild für jemanden, der, aus welchen Gründen auch immer, noch nicht den Mut dazu hatte. Andersherum gilt das aber leider auch. In dieser Woche treffe ich Barbara Schöneberger wieder zum Interview. Ich hoffe, sie wird mich nicht enttäuschen.