Auf dem roten Teppich

Kann man als Regierender Bürgermeister auch Tinder nutzen?

Annika Schönstädt war zuletzt bei einigen staatstragenden Veranstaltungen. Dabei gibt es interessantere Fragen als Verdienstorden.

Foto: dpa/Reto Klar/BM Montage

Berlin. Zwei der Gründe, weshalb ich meinen Job so liebe, sind die interessanten Menschen, die ich immer wieder treffen darf, und die Orte, an die er mich führt. Manchmal sind das ganz einfach Ecken von Berlin, die ich auch nach über 30 Jahren in dieser Stadt noch nicht kannte. Die Untiefen Marzahns, das Stadion an der Alten Försterei oder die Trabrennbahn Mariendorf. Häufig sind es aber auch Orte, zu denen man in der Regel nicht ohne Weiteres Zutritt hat. So wie die Präsidentensuiten der Fünf-Sterne-Häuser, die Botschaften und Residenzen internationaler Diplomaten, der stillgelegte Flughafen Tempelhof, Privatwohnungen von Prominenten oder Backstage-Bereiche in Konzerthallen.

In den vergangenen Tagen war ich erst im Großen Saal des Roten Rathauses und später im Pendant in Schloss Bellevue. Michael Müller verlieh den Verdienstorden des Landes Berlin, Frank-Walter Steinmeier den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Normalerweise nicht ganz mein Betätigungsfeld. Unter den Ausgezeichneten waren allerdings auch ein paar Prominente. Und so kam es, dass ich in dieser Woche mehr Staatsparkett als roten Teppich unter den Füßen hatte.

Imponierende Momente in Bellevue

In beiden Fällen ist allein schon das Gebäude spektakulär. Betritt man das Rote Rathaus durch den Haupteingang, schreitet man eine opulente Treppe hinauf, bis man sich unter massiven Kronleuchtern, flankiert von historischen Gemälden, wiederfindet. In Bellevue ist ein Sicherheitscheck notwendig, bevor sich überhaupt nur das Gartentor öffnet. Dahinter dann perfekter Rasen und die berühmten Stufen, auf denen der Bundespräsident Politiker, Könige und Päpste empfängt. Jeder kennt das aus dem Fernsehen. Entsprechend herausgeputzt hatten sich die Gäste, in der Schlange machte sich Aufregung breit. Man ist schließlich nicht jeden Tag beim Staatsoberhaupt eingeladen.

Ich gebe zu, für mich braucht es nach solchen Erlebnissen manchmal diesen Spiegel von außen, um mir wieder zu vergegenwärtigen, wie privilegiert ich dank meines Berufes bin. Dieses Mal war das jedoch gar nicht notwendig. Denn egal wie sehr man als Deutscher meiner Generation mit Patriotismus fremdelt: Wenn man am Tag vor dem Tag der Deutschen Einheit mit Steinmeier und 25 Verdienstkreuz-Trägern in Schloss Bellevue steht und die Nationalhymne gespielt wird, dann ist das ein erhabener Moment. Ich erwischte mich sogar bei ein bisschen Gänsehaut.

Danach unterhielt ich mich mit einem Geehrten: Udo Lindenberg. Der Panikrocker, der „Sonderzug nach Pankow“-Fahrer. Immer ein bisschen verhuscht, immer ein bisschen vernuschelt. Aber dann sagte Lindenberg ein paar sehr kluge Sätze. Ich ging nach Hause und dachte: Das war ein guter Tag.

Politiker sind schließlich auch nur Prominente

Natürlich geht es nicht immer nur staatstragend zu, wenn Politiker im Spiel sind. Der Boulevard ist in vielen Momenten sogar näher dran als man sich das von seinen aktuellen und ehemaligen Regierungsvertretern wünschen würde. Gerhard Schröder und seine Frau Soyeon Schröder-Kim gehen ja quasi keinen Schritt mehr ohne ein Kamerateam. Bettina Wulff schrieb das Enthüllungsbuch über ihre Ehe mit Christian Wulff direkt selbst. Heiko Maas und Natalia Wörner sorgten mit einer Homestory aus ihrem „Liebesnest“ für Aufsehen. Und Rudolf Scharping hat sich nicht zuletzt dank seiner Pool-Plansch-Bilder mit Gräfin Pilati einen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert.

So viel anders als sonst war meine Woche dann also doch nicht. Politiker sind schließlich auch nur Prominente. Und Michael Müller hat sich immerhin gerade von seiner Frau getrennt. Gibt es schon eine Neue? Wie sieht die neue Junggesellenbude aus? Und kann man als Regierender Bürgermeister eigentlich Tinder nutzen? Diese Fragen interessieren uns doch brennender als Verdienstorden. Oder täusche ich mich?