Auf dem roten Teppich

Oktoberfest: Wenn Prominente in freier Wildbahn eskalieren

In Sachen Promi-Klatsch ist das Oktoberfest ein Paradies – und doch kann Annika Schönstädt dem nichts abgewinnen.

O'zapft is!

Der Wiesnauftakt fand mit Oberbürgermeister Dieter Reiter und dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder am Samstag in München statt.

Beschreibung anzeigen

Berlin. An dieser Stelle hätte eigentlich eine Kolumne über das Oktoberfest stehen sollen. Oder sagen wir lieber müssen. Denn egal, in welches Promi-Fachblatt oder auf welchen VIP-Instagram-Account man gerade schaut: Es sind ganz offensichtlich alle dort. Ich nicht. Sie verstehen das Problem?

Es ist nicht so, dass ich es nur dieses Mal nicht geschafft habe. Ich war in meinem ganzen Leben noch nicht auf der Wiesn. Und das, obwohl meine Familie früher jedes Jahr für mehrere Wochen in den Bayern-Urlaub fuhr. Meine Oma ist in Pfaffenhofen aufgewachsen und wird noch heute von Heimweh geplagt. Mir als gebürtige Berlinerin ist das Oktoberfest allerdings suspekt – wenn ich ehrlich bin, München an sich, das ganze Jahr über.

Die Fotos vom Gipfeltreffen der Boris-Becker-Exfrauen, von Thomas Gottschalk und seiner neuen Freundin Karina Mroß mit Maß und Wurstplatte oder Cathy Hummels auf dem Teufelsrad nehme ich also mit einer Mischung aus Erstaunen und Gleichmut zur Kenntnis. Auch mein E-Mail-Postfach legt sich ins Zeug, um mich in den Oktoberfest-Bann zu ziehen. Angebote von freien Autoren und Fotoagenturen treffen fast minütlich ein: Madl-Wiesn, Blond-Wiesn, Elyas M’Barek mit unbekannter weiblicher Begleitung, Marianne und Michael auf der Rutsche, der FC Bayern beim Betriebsausflug. Themen über Themen. Aber ich fühle nichts.

Lesen Sie auch: Oktoberfest: So sauber, ökologisch und bunt ist es 2019

Wiesn-Spirit an der Spree? Fehlanzeige!

In Berlin gibt es sogar vereinzelte Versuche, den Wiesn-Spirit an die Spree zu importieren. In meinem Supermarkt werden gerade Festbier, Weißwurst und Brotzeitvariationen angeboten. Auf dem Zentralen Festplatz am Kurt-Schumacher-Damm gibt es ein Oktoberfest, in der Zitadelle Spandau und am Postbahnhof auch. Der Promifaktor tendiert bei diesen Veranstaltungen allerdings gegen Null. Allein bei der Angermaier Trachten Nacht im Hofbräu am Alexanderplatz gaben sich schon Ende August Hardy Krüger Jr., Ben Blümel und Falk-Willy Wild alle Mühe zur Ausgelassenheit. Wenn das die beste Party gewesen wäre, die das Oktoberfest zu bieten hat, täte es mir für die Münchner aufrichtig leid. Aber dem ist ja nicht so. Berliner Freunde und Kollegen, deren Arbeitgeber seine Zentrale in München unterhält, kehren verwirrt vom Wiesn-Pflichtbesuch mit dem Team zurück. Selbst Trinkfeste sind in ihren Grundfesten erschüttert und beklagen Filmrisse und Verbrüderungsrituale mit dem Chef, die jede Weihnachtsfeier alt aussehen lassen.

Die Berliner kokettieren gern damit, dass es bei uns an jedem normalen Wochenende wilder zuginge als auf der Wiesn und deshalb keine Notwendigkeit für ein solches Volksfest bestehe. Das stimmt vielleicht. Die Möglichkeit, Prominente in freier Wildbahn so vollkommen eskalieren zu sehen, ist auf dem Oktoberfest aber tatsächlich einzigartig. Man erinnere sich nur an Claudia und Stefan Effenberg beim Knutschen im Käfer-Zelt. Eine Ikone der Paparazzi-Fotografie! Ein anderes Mal wurde der ehemalige Fußballprofi nach dem Wiesn-Besuch mit 1,4 Promille von der Polizei gestoppt. Dazu jede Menge hochgeschnallte Dekolletés, geschürzte Röcke und vom Rausch entrückte Gesichter. Das habe ich in Berlin in dieser Form auf noch keiner offiziellen Aftershowparty gesehen.

Ich kann mir meine Abneigung also nicht wirklich erklären. Beruflich gesehen muss es das Paradies sein. Ähnlich geht es mir aber auch mit dem Karneval. Obwohl ich mich dazu sogar einmal von einer Freundin überreden ließ. „Du musst unbedingt kommen, es ist soooo lustig“, lag sie mir seit Jahren in den Ohren. Das Erlebnis hat mich dann allerdings so nachhaltig verstört, dass ein erneuter Ausflug zu fremden Bräuchen für mich erst einmal in weite Zukunft gerückt ist.

Ich gebe zu, die Reihenfolge habe ich unklug gewählt. Auf dem Oktoberfest hätte ich wenigstens ein paar Promis getroffen.