Kolumne

Prominente sind auch nur Menschen

Auf der Straße werden sie erkannt, bei offiziellen Anlässen gefeiert. Doch Berühmtheit ist eben auch nur eine Frage der Perspektive.

roter teppich kolumne

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Foto: Getty/Reto Klar / BM

Es kommt häufiger vor, dass ich eingeladen werde, ein Filmset während laufender Dreharbeiten zu besuchen. Bei „High Society“ durfte ich schon einen Blick hinter die Kulissen werfen, bei „Narziss und Goldmund“, „Weissensee“ oder bei „Deutschland 86“.

Nach ein paar Stunden oder Tagen fahre ich wieder nach Hause. Die Schauspieler hingegen verbringen, wenn sich das Set im Ausland, womöglich sogar auf dem Dorf befindet, oft Wochen oder Monate ohne Pause in dieser Parallelwelt. Dort müssen sie sich um nichts kümmern, als beim Stichwort „Achtung, wir drehen!“ professionell ihre Rolle abzuliefern.

Alles dreht sich um die Schauspieler

Sie werden morgens abgeholt, zur Arbeit gebracht und abends wieder zurück ins Hotel. Für Essen und Trinken ist gesorgt und dafür, dass die Frisur sitzt. Was angezogen wird, entscheidet das Kostüm. Sobald die Klappe fällt, stehen Kaffee, Zigaretten und ein paar warme Worte schon bereit.

Jeder geht damit unterschiedlich um. Der eine demütig und dankbar, der andere sieht sich plötzlich sogar außerstande, sich selbst die Schnürsenkel zu binden. Den Schauspielern wird quasi das eigenständige Denken abgenommen, wenn sie das wünschen. Ob sie sich eigentlich noch selbst den Hintern abwischen, möchte man einige von ihnen manchmal fragen.

Geht es dann wieder in die Heimat, ist das natürlich eine Umstellung. Nicht allen fällt das leicht. Fragt man Schauspieler, was sie angesichts von allgegenwärtigen Jasagern und Fanverehrung erdet oder bestenfalls gleich am Abheben hindert, sagen die meisten: meine Familie und Freunde. Also die Menschen, die sie schon kannten, bevor der ganze Wahnsinn losging.

Sie halten das für eine Floskel? Sie glauben nicht, dass Elyas M‘Barek für seine Mutter in erster Linie der Typ ist, dem sie vor über 30 Jahren die Windeln gewechselt hat? Ich halte das aus Gründen meiner bescheidenen persönlichen Erfahrung durchaus für wahrscheinlich.

Bei meinem Freund lässt sich eine gewisse Prominenz nicht verleugnen

In der vergangenen Woche war ich mit meinem Freund Patrick im Urlaub. Wir kennen uns seit Schulzeiten. Ungefähr genau so lange spielt er den Sohn von Commissario Brunetti in der erfolgreichen ARD-Reihe nach den Romanen von Donna Leon. Hinzu kommen immer wieder Rollen in Serien wie „Familie Dr. Kleist“, „In aller Freundschaft“ und „Löwenzahn“, Moderationen im KiKa und diverse Werbeauftritte. Eine gewisse Prominenz lässt sich also nicht verleugnen.

Manchmal, wenn ich mit ihm unterwegs bin, wird er von fremden Menschen erkannt und angesprochen. Oder er lächelt mich unerwartet von einem Plakat an. Ich ignoriere diese Tatsachen jedoch vehement. Auch Videos sind als Beweismittel vollkommen zwecklos. In meinem Kopf passt das einfach nicht zusammen. Warum ist jemand, bei dem ich neulich noch die Latein-Hausaufgaben abgeschrieben habe, im Fernsehen? Und warum wollen andere Menschen ein Selfie mit ihm machen?

Meine Schule hat noch ein paar weitere Promis hervorgebracht

Doch damit nicht genug. Die Schule, die Patrick und ich in Spandau besucht haben, hat sogar noch ein paar weitere Prominente hervorgebracht. Dag und Vincent aus der Klasse unter uns füllen mit ihrer Band SDP heute die Wuhlheide. Und unser Physiklehrer Herr Kleebank ist mittlerweile Bürgermeister unseres schmucken Randbezirks. Wenn ich höre, wie unsere Spandau-Reporterin mit ihm telefoniert, finde ich das jedes Mal ein wenig skurril. Und Konzertbilder der beiden ehemaligen Schulpunks erstaunen mich immer wieder aufs Neue.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Das soll nicht heißen, dass ich die Leistung unserer Spandau-VIPs nicht anerkenne oder mich darüber lustig machen wollte. Ganz im Gegenteil. Ich sehe sie nur einfach mit anderen Augen. Im besten Fall hat jeder Prominente ein paar solcher Menschen um sich herum, bei denen er einfach nur der Freund, der Nachbar oder das Kind geblieben ist. Berühmtheit ist eben auch nur eine Frage der Perspektive.