Auf dem roten Teppich

Wenn Kritik zur persönlichen Beleidigung wird

Viele Kommentatoren oder Leserbriefschreiber vergreifen sich deutlich im Ton. Das lässt Betroffene nicht kalt, sagt Annika Schönstädt.

Annika Schönstädt beobachtet das Leben der Promis in Berlin.

Annika Schönstädt beobachtet das Leben der Promis in Berlin.

Foto: Getty/Reto Klar / BM

Nach meinen Erfahrungen der vergangenen Woche gehören Sie entweder zu den Menschen, die Dieter Bohlen verachten und ihm nur das Allerschlechteste wünschen oder zu denen, die ihn verehren und auf ihren Dieter nichts, aber auch gar nichts, kommen lassen. Eine Grauzone scheint es in dieser Frage nicht zu geben. Schwarz oder Weiß. Aus im ersten Casting oder DSDS-Finale.

Wie ich zu dieser Annahme komme? Gemeinsam mit 10.000 anderen Berlinern war ich am vorletzten Sonnabend beim Konzertcomeback des Poptitans in der Zitadelle. Ich sollte eine Kritik schreiben. Meine erste. Der Kollege hatte mich nicht ohne Grund gefragt, denke ich, mein Berufsfeld bringt eine gewisse Trash-Affinität mit sich. Mit „Cheri Cheri Lady“ auf dem Ohr machte ich mich also auf den Weg nach Spandau. Ich war guter Dinge. Wenn Dieter auch nicht singen kann, so würde doch aber die Stimmung bestens sein. Ich ging davon aus, einen guten Abend und eine Woche Ohrwurmgarantie zu haben. Um es abzukürzen: Das Konzert hat mir nicht gefallen. Sorry, not sorry. Meinen Eindruck schrieb ich auf. Das ist ja schließlich mein Job.

Nach Kritik an Dieter Bohlen: "Abartig", "neidisch", "Journalismus der miesesten Sorte"

Was am nächsten Tag in den sozialen Medien passierte, überraschte mich dann aber doch. Die Leute diskutierten und ließen ihrer Leidenschaft oder eben Abneigung gegen Dieter Bohlen freien Lauf. Unter den Kommentaren zu meinem Artikel fanden sich aber bald auch Beleidigungen, die mich persönlich betrafen. Die Verfasserin sollte man nicht mehr schreiben lassen, hieß es da, von mangelnder Empathie war die Rede. „Abartig“, „neidisch“, „grottenschlecht“, „Zeckenblatt“, „Journalismus der miesesten Sorte“.

Jeden Tag Hass aus dem Internet: Wie hält man das als Prominenter aus?

Alles klar, dachte ich, schön, wenn man Fans hat. Ich muss zugeben, mich ließ das nicht komplett kalt. Unter der Woche trudelten noch ein paar ähnlich liebevolle Leserbriefe und Nachrichten auf anderen Kanälen ein, aber dann war Ruhe. Ich atmete durch und fragte mich, wie man es aushält, wenn man als Prominenter jeden Tag mit dem Hass aus dem Internet konfrontiert ist.

Wenn Heidi Klum auf Fotos mehr Haut zeigt, wird gepöbelt, sie habe sich mit Ü40 gefälligst zu bedecken. Von ihrer PR-Ehe mit Tom Kaulitz ganz zu schweigen. Wenn Cathy Hummels etwas über ihren Sohn schreibt, stehen diejenigen auf dem Plan, die sie aus diversen Gründen für eine schlechte Mutter halten und gleichzeitig ihren Körper beurteilen. Richtig ekelhaft wird es, wenn es in die Bereiche Homophobie oder Fremdenfeindlichkeit geht. So wie beispielsweise auf den Profilen von Riccardo Simonetti oder Dunja Hayali.

Justin Bieber veröffentlichte offenen Brief

Sicher, das sollte man ignorieren, nicht lesen oder direkt löschen. Aber das sagt sich so leicht bei einem 24/7-Dauershitstorm. Und natürlich werden die Promis auf der anderen Seite auch genau so unreflektiert und übertrieben gefeiert. Siehe Dieter Bohlen. Aber ob dieses ständige Auf und Ab der Seelengesundheit so zuträglich ist?

Justin Bieber veröffentlichte vergangene Woche einen offenen Brief bei Instagram, in dem er sehr ausführlich beschrieb, was der frühe und extreme Ruhm mit ihm gemacht hat.

Drogen, Alkohol, Realitätsverlust, kaputte Beziehungen. Das volle Programm. Neben viel Zuspruch gab es auch unter diesem Post wieder viel Hass. Warum soll man Mitleid mit einem wohlstandsverwahrlosten Ex-Teeniestar haben, werden jetzt sicher auch einige von Ihnen sagen. Er hat es sich doch nicht anders ausgesucht. Aber rechtfertigt das wirklich Beleidigungen, Verurteilungen und sogar Drohungen?

Klar gibt es auch unter den Prominenten Exemplare, die genauso gern austeilen wie der Rest des Internets. Siehe Til Schweiger, der nachts in regelmäßigen Abständen auf seinem Facebook-Profil eskaliert. Zugegeben, manchmal auch deshalb, weil ihm angesichts der vielen Hasskommentare auf seiner Seite der Kragen platzt. Ich kann mir vorstellen, dass das irgendwann an die Substanz geht. Ich jedenfalls möchte nicht tauschen.

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