Auf dem roten Teppich

Von Hochzeiten und Todesfällen

Es gibt intime Situationen, in denen bleiben auch Prominente lieber privat. Nicht immer wollen Medien ihnen diesen Gefallen tun.

Foto: dpa/Reto Klar/BM Montage

Am vergangenen Freitag war ich bei einer Hochzeit im Rathaus Schmargendorf. Meine Tante und ihr Zukünftiger hatten den Ort wegen seiner ansprechenden Optik gewählt. Märkische Backsteingotik außen, Sterngewölbe, Holzvertäfelungen und Buntglasfenster innen. Kann man nicht meckern, fanden auch wir als alte West-Berliner. Auf ein von Berufs wegen interessantes Detail machte mich am Tag zuvor allerdings erst eine gute Freundin aufmerksam. Schmargendorf sei DAS Berliner Promi-Standesamt überhaupt und – ganz nebenbei – habe auch sie dort geheiratet. Ich hatte ja keine Ahnung.

Tatsächlich sagten am Berkaer Platz auch schon Harald Juhnke, Albert Einstein, Romy Schneider, Gunter Gabriel und Roland Kaiser „Ja“, wie ich durch eine kurze Internetrecherche herausfand. Nicht unter den Paaren, aber zumindest unter den Gästen der Hochzeit vor uns war dann auch wirklich ein Prominenter. Also ein bisschen. Ex-Boygroup-Sänger und Ex-Lena-Gercke-Freund Jay Khan feierte dort mit Freunden oder Familie. Kannste dir nicht ausdenken, sagte ich zu meiner Mutter. Die Kolumne schreibt sich in solchen Wochen ja quasi wie von selbst.

Wenn der Exklusivabdruck die Hochzeit refinanziert

Ganz so en vogue wie in den 70er-Jahren ist das Rathaus Schmargendorf als VIP-Hochzeitslocation heute allerdings nicht mehr. Wer etwas auf sich hält, fährt nach Venedig, Sylt, Capri oder wenigstens nach Brandenburg. Gern in Begleitung eines Fototeams. So wird der schönste Tag im Leben durch den exklusiven Abdruck im Unterhaltungsmedium der Wahl praktischerweise gleich refinanziert. Die Hochzeit war ein bisschen teurer? Dann kommt natürlich auch eine Übertragung im Fernsehen in Frage.

So wie 2005 bei Sarah Connor und Marc Terenzi oder 2016 bei Daniela Katzenberger und Lucas Cordalis. Service für die Presse: Das mühsame Herausfinden des Ortes einer geheimen Hochzeit entfällt. Denn – unglaublich, aber wahr – einige Prominente wollen bei ihrer Trauung tatsächlich unbehelligt bleiben. Nicht immer tun die Vertreter meines Berufsstandes ihnen diesen Gefallen. Als Maren Gilzer im Juli mit Harry Kuhlmann vor den Traualtar trat, erhielt mancher als auskunftsfreudig bekannte Gast die Einladungsdetails erst auf den letzten Drücker.

Da ich nicht für ein Boulevardmedium arbeite, blieben mir allzu aufdringliche Spionageangriffe auf die Privatsphäre von bekannten Personen bisher glücklicherweise erspart. Es liegt allerdings in der Natur der Sache, dass auch mein Berufsalltag nicht frei von Momenten ist, in denen ich hin und wieder das Gefühl habe, eine Pietätsgrenze zu überschreiten. Wenn sich jemand trennt beispielsweise oder, schlimmer noch, wenn jemand stirbt.

Gefühl eines gewissen Voyeurismus

Ich kann jeden verstehen, der in einer solchen Situation nicht mit Journalisten sprechen möchte. Aber natürlich hört das öffentliche Interesse an diesem Punkt nicht einfach auf. Man könnte sagen, das ist Teil des Deals. Eine Schauspielerin für eine Stellungnahme anzurufen, wenn ihre ebenfalls berühmte Mutter gerade gestorben ist, das kostet dennoch Überwindung. Mich jedenfalls. Oder eine Beerdigung von jemandem zu besuchen, dem man nicht persönlich nahe stand. So wie im Mai bei der Trauerfeier von Heidi Hetzer in der Gedächtniskirche. Die war zwar öffentlich und von ihr genau so gewünscht, trotzdem konnte ich das Gefühl eines gewissen Voyeurismus während des gesamten Gottesdienstes nicht ablegen. Die Trauer der Angehörigen, dieser intime Moment, ließ mich mich unwohl in meiner Reporterhaut fühlen.

Wenn ich Prominente in meiner Freizeit auf der Straße treffe – und das kommt in Berlin relativ häufig vor –, dann lasse ich sie deshalb einfach in Ruhe oder beobachte für Hintergrundinformationen aus der Ferne. Der Radar ist einfach immer an. Entschuldigung dafür, Jay Khan.