Auf dem Roten Teppich

Beim Promi-Interview gilt das umformulierte Wort

Zitatfreigaben sind in Deutschland üblich. Mancher Schauspieler nutzt das gern, um alles neu zu schreiben, berichtet Annika Schönstädt.

Annika Schönstadt berichtet aus der Welt der Promis.

Annika Schönstadt berichtet aus der Welt der Promis.

Foto: Getty/Reto Klar / BM

Berlin. In der vergangenen Woche wurde ich Zeuge eines Gesprächs, das bedauerlicherweise typisch für meine Branche ist. In unserem Großraumbüro rang ein Kollege am Telefon verzweifelt mit einem PR-Menschen um eine Zitatfreigabe. Es ist üblich, dass Interviews dem Gesprächspartner vor Abdruck noch einmal zum Gegenlesen geschickt werden. Sinn der Sache ist eigentlich ein Faktencheck. Tatsächlich erkennt man seine Texte danach häufig nicht mehr wieder. Es gilt das gesprochene Wort? Von wegen!

Stattdessen wird gekürzt, umformuliert und diskutiert. Denn zugeben, dass sie sich im Eifer des Gefechts ein bisschen weit aus dem Fenster gelehnt haben, wollen die wenigsten. Die einen wurden falsch verstanden, die anderen haben das alles doch nur ganz im Vertrauen erzählt. Offizieller Pressetermin und Aufnahmegerät? Papperlapapp! Dabei besteht auch bei Interviews mit Klatschreportern durchaus kein Zwang, über den ersten Sex mit dem neuen Lover, Drogenexperimente oder politische Ansichten zu sprechen. Ich bin da in meinen Verhörmethoden eigentlich ganz human. Aber wenn man sich doch dazu entscheidet, dann sollte das doch bitteschön auch am nächsten Tag noch gelten. Vor allem, wenn jemand seit Jahrzehnten im Geschäft ist.

Schlimmer als Berühmtheiten, die Interviewpassagen streichen, sind eigentlich nur diejenigen, die ganze Absätze hinzufantasieren. Um im Nachhinein klüger oder witziger zu erscheinen oder um das neue Projekt, nach dem niemand gefragt hat, zu platzieren. FYI: Bei einem Print-Layout kann es schon mal passieren, dass man aus Platzgründen auf eine Frage verzichten muss. Ups, da war es wohl diese. Zur Ehrenrettung muss ich sagen: Häufig sind nicht die Prominenten selbst Schuld, sondern übereifrige Agenten, die angesichts von nicht komplett glattgebügelten Äußerungen Schnappatmung bekommen.

Bei internationalen VIPs ist diese Praxis übrigens komplett unbekannt. Zwar wird vorab und währenddessen ein riesiges Gewese gemacht, hat man das überstanden, ist jedoch Ruhe. Vielleicht liegt es daran, dass es Tom Cruise oder Angelina Jolie herzlich egal ist, was in Deutschland über sie geschrieben wird. Vielleicht sind die Kollegen aus Hollywood aber auch einfach ein bisschen entspannter. Nur einmal habe ich es erlebt, dass bei einem US-Star nachträglich versucht wurde, das Gesagte rückgängig zu machen. „Orange is the new Black“-Schauspielerin Danielle Brooks hatte mir erzählt, dass sie neben Dates mit Männern auch schon Erfahrungen mit Frauen gemacht hat. Die Serie hat wohlgemerkt wegen ihrer Diversität eine enge Verbindung zur LGBT-Szene.

Dennoch bekam ich ein paar Tage später einen Anruf: Was, wenn TMZ davon Wind bekommt oder gar der Hollywood Reporter? Was sollen bloß ihre Eltern denken? OMG! Es ist natürlich schmeichelhaft zu glauben, dass in Los Angeles die Berliner Morgenpost wegen ihrer Promigeschichten gelesen wird. Ich habe mich trotzdem entschieden, die Anfrage zu ignorieren. Passiert ist dann natürlich nichts. Kein Skandal, keine Nachfrage von den Kollegen aus Übersee.

Erfrischend anders läuft es in Deutschland nur mit Köchen. Da wird über Kollegen gelästert, die eigene Großartigkeit gepriesen oder sich über die Vergabekriterien von Auszeichnungen geärgert – und das wird dann tatsächlich alles so gedruckt. Wird doch mal eine Freigabe gewünscht, läuft das ungefähr so ab: „Findest du nicht, ich komme da ein bisschen prollig rüber?“ „Nö, ich hab’ alles so aufgeschrieben, wie du es gesagt hast.“ „Stimmt, hast Recht, ich find’s geil!“ Prominente könnten sich in dieser Hinsicht also ruhig eine Scheibe von ihren kochenden Kollegen abschneiden. Zumal ich es noch nie erlebt habe, dass jemand wegen eines solchen Interviews einen Shitstorm kassiert hätte. Ehrlichkeit und Authentizität kommt bei den Lesern in der Regel sehr gut an.