Auf dem roten Teppich

Wie Prominente das Sommerloch für ihre Zwecke nutzen

Das Sommerloch ist noch immer nicht überstanden. Das ist die Chance für Prominente aus der zweiten und dritten Reihe.

Willkommen im Sommerloch!

Willkommen im Sommerloch!

Foto: picture alliance/Reto Klar/BM Montage

Als Sommerloch, das (Substantiv, Neutrum), bezeichnet der Duden die „besonders an wichtigen politischen Nachrichten arme Zeit während der sommerlichen Ferienzeit“. Nun sind die Ferien in Berlin seit Anfang August zu Ende. Angela Merkel ist aus dem Urlaub zurück und auch die Fußball-Bundesliga ging am vergangenen Freitag wieder los, genauso wie am Sonntag die neue „Tatort“-Saison. Bei den Promis ist diese Information aber offenbar noch nicht angekommen. Events und rote Teppiche? Fehlanzeige! Keine Termine. Nirgends.

Rudi Carrell hatte sich an dem Thema in seinem Lied „Sauregurkenzeit“ abgearbeitet. „Wenn die Redakteure vor dem leeren Telex stehen, werden sie dann wie Friseure, die auf Glatzen Locken drehen“, heißt es da. Der Text ist aus dem Jahr 1979. Ich war damals noch nicht geboren, was ein Telex ist, musste ich kurz googeln. Recht hatte er trotzdem. Wenn ich in diesen Tagen das Fenster mit den Agenturmeldungen in unserem Redaktionssystem öffne, fühle ich mich an die berühmten Steppenläufer zur Mittagszeit in Westernfilmen erinnert. In meinem Kopf höre ich leise eine Mundharmonika. Im Büro versuche ich also, meinem Chef aus dem Weg zu gehen, um die wiederholte Nachfrage zu vermeiden: „Annika, welche Geschichte kann ich von dir am Wochenende einplanen?“ Ich fürchte, „keine“ ist als Antwort keine Option.

Also doch noch einmal das E-Mail-Postfach durchgeschaut. Zunächst verschmähte Themenangebote der PR-Agenturen sind auf den zweiten Blick vielleicht doch nicht so übel. „Ausstellungseröffnung: Ein Känguru auf Reisen“, „Buchveröffentlichung: Aufstehen, Kilt richten, weiterkämpfen“, „Bürokleidung mit Flexibilität und Charme“ oder „Die 11 spektakulärsten Reisetattoos“? Vielleicht lieber doch nicht. Dann eben der Blick in die Handykontakte. Da gibt es doch diese Leute, die immer für eine Geschichte zu haben sind. Ah, nee, der redet immer so viel. Hmm, nääh, die werde ich danach nie wieder los.

Und im Fernsehen? TV-Themen gehen doch immer. Die Deutschen liiiiieben doch Fernsehen. Netflix und Amazon Prime hin oder her. „Promi Big Brother“, „Das Sommerhaus der Stars“ und „Paradise Hotel“ sind aktuell auf Sendung. Ein Trashformat jagt das nächste. Sind da eigentlich Berliner Kandidaten dabei, frage ich mich in meiner Verzweiflung. Zum Beispiel bei meinem heimlichen Lieblingskopfausschalter „Die Bachelorette“? Online klickt das doch immer super. Warum also nicht einmal Almklausi, Ginger Costello, Janine Pink oder Elena Miras und Mike Heiter in der Printausgabe zu einem großen Auftritt verhelfen? Wer? Ach ja, deshalb.

Chancen für Nico Schwanz und Menowin Fröhlich

Schlaue Prominente aus der zweiten Reihe wissen das Sommerloch hingegen geschickt für ihre Zwecke zu nutzen. 90er-Jahre-Popstar Oli.P stellt mit einer sechsstündigen Autogrammstunde anlässlich der Veröffentlichung seines neuen Albums einen Weltrekord auf und ist darüber „überglücklich und wahnsinnig stolz“. DSDS-Knacki Menowin Fröhlich macht seiner Freundin vor laufenden Kameras einen Heiratsantrag – zum zweiten Mal. Und Ex-Mr.-Model-of-the-World Nico Schwanz geht auf Kreuzfahrt und trifft dort ausgerechnet seine Ex-Freundinnen Saskia Atzerodt UND Vanessa Schmitt. So viel Aufmerksamkeit gibt es für Top-news dieser Güteklasse sonst selten.

Das Gute an der Journalistenmisere: Viele Leser scheinen das alles gar nicht so eng zu sehen. Beziehungsweise andersherum: Nach Ansicht diverser Facebook-Kommentatoren produzieren wir jahreszeitenunabhängig nur Geschichten, die sich allerhöchstens durch das Sommerloch erklären lassen. Dicht gefolgt vom Vorwurf des berüchtigten Reissacks in China. Für diese Woche habe ich immerhin schon drei oder vier Einladungen. Rettung naht. Bis dahin verschwinde ich einfach weiterhin auf der Toilette, wenn ich den Chef von Weitem auf dem Gang sehe.