Auf dem roten Teppich

Wie Interviews mit Promis wirklich ablaufen

Einem echten Promi gegenüberzusitzen und ihm Fragen zu stellen - Traum oder doch Albtraum? Annika Schönstädt packt aus.

Annika Schönstädt, Gesellschaftskolumnistin der Berliner Morgenpost.

Annika Schönstädt, Gesellschaftskolumnistin der Berliner Morgenpost.

Foto: Reto Klar / Funke Foto Service

Ich werde oft gefragt, wen ich gern einmal interviewen würde, wenn ich es mir aussuchen könnte. Natürlich gibt es in meinem Kopf einen Wunschzettel mit wechselnden Protagonisten. Michelle Obama zum Beispiel, nachdem ich gerade ihre Biografie gelesen habe, weil ich sie für eine inspirierende, tolle Frau halte. Einen der britischen Royals, weil ich ihr Leben so absurd finde. Und die Mitglieder von ABBA, mein All-Time-Favourite-Guilty-Pleasure. Ich gebe zu, auch die Backstreet Boys sind dabei. Meinem schwer verknallten, 13-jährigen Ich zuliebe. Wenn ich das erledigt habe, kann ich mich eigentlich zur Ruhe setzen.

Glücklicherweise lassen sich einige dieser Wünsche in meinem Job tatsächlich erfüllen. Kim Cattrall konnte ich auf diese Weise von meiner Liste streichen, Robbie Williams auch. Prinz Charles, Camilla, William und Kate durfte ich bei ihren letzten Berlin-Besuchen zumindest einmal aus der Nähe betrachten, genauso wie Charlize Theron und Cate Blanchett. Wird es ernst, hat die Sache allerdings einen Haken. Fan-Verehrung ist für ein vernünftiges Interview eher hinderlich. Jedenfalls geht es mir so. Finde ich jemanden gut, bin ich aufgeregt, möchte besonders überragende Fragen stellen und dabei am besten noch fabelhaft aussehen. Neutralität? Fehlanzeige! Stattdessen lache ich übertrieben viel, halte mich an meinen vorformulierten Fragen fest und mache merkwürdige Witze.

Eigenschäm-Faktor beim Interview mit Robert Pattinson

Sie denken, ich übertreibe? Leider habe ich Beweise. Denn das Trauma wiederholt sich beim anschließenden Abhören der Interviewaufnahme. Ein Gespräch, das ich auf dem Höhepunkt der „Twilight“-Hysterie einmal mit Robert Pattinson geführt habe, gab es sogar auf Video. Fast möchte ich sagen Gott sei Dank, denn erinnern konnte ich mich anschließend an kaum etwas. Der Eigenschäm-Faktor beim späteren Bearbeiten des Materials lässt mir allerdings noch heute einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Ähnlich erging es mir mit Ryan Reynolds und Bela B. Aber auch Marius Müller-Westernhagen oder Joachim Gauck haben mich aus Respekt vor ihrer Lebensleistung wahrscheinlich nicht zu Pulitzer-Preis-verdächtigem Journalismus angetrieben.

Anke Engelke, Nena und Keanu Reeves? Desillusionierend

Zudem besteht die Gefahr, dass der bislang angehimmelte Star durch das persönliche Treffen seinen Nimbus verliert. Weil er eigentlich ziemlich dröge oder schlecht erzogen ist. Ein Worst-Case-Szenario, das mir bisher glücklicherweise erspart geblieben ist. Kollegen berichten allerdings von schlimm desillusionierenden Begegnungen mit Anke Engelke, Nena oder Keanu Reeves. Allein schon die Erkenntnis, dass George Clooney, Brad Pitt und Willem Dafoe in der Realität mindestens zehn Zentimeter kleiner sind als erwartet, kann allerdings zu einer nachhaltigen Störung des Fan-Promi-Verhältnisses führen.

Bei Frauen aus Hollywood oder internationalen Topmodels ist es leider häufig so, dass sie in natura arg verhungert aussehen. Die Legende, dass die Kamera fünf bis sieben Kilo auf die Hüften schummelt, scheint also zu stimmen. Die Powerfrau aus dem Film oder vom Laufsteg ist dann plötzlich nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Bill und Tom Kaulitz sind nett und freundlich

Am liebsten interviewe ich deshalb Prominente, bei denen ich emotional nicht involviert bin oder deren Betätigungsfeld ich sogar ein wenig albern finde. Der Nachteil in letzterem Fall: Ist der Interviewte sehr nett, brechen alle sorgsam aufgebauten Vorurteile in sich zusammen und man kann ihn nie wieder so doof finden wie zuvor. Bill und Tom Kaulitz von Tokio Hotel sind beispielsweise sehr freundliche, bodenständige Jungs. Hartmut Engler von Pur ist ein überaus angenehmer Gesprächspartner, genau so wie die Mitglieder der Kelly Family. Ich hoffe sehr, ich komme in meinem Leben niemals in die Verlegenheit, Helene Fischer interviewen zu müssen. Ich fürchte, sie ist sehr sympathisch.