Auf dem roten Teppich

Youtuber und Instagramer: Zu alt, um jung zu sterben

Berufsjugendlichkeit ist in der Promireporterbranche ein Wettbewerbsvorteil – aber alles hat seine Grenzen, findet Annika Schönstädt.

Die Lochis machen Schluss und beenden mit 20 Jahren ihre Youtube-Karriere.

Die Lochis machen Schluss und beenden mit 20 Jahren ihre Youtube-Karriere.

Foto: Reto Klar/dpa/BM Montage

In den letzten Jahren häufen sich in meinem Leben die Momente, in denen ich anfange, mich alt zu fühlen. Als zum ersten Mal die Songs meiner Jugend im Oldieradio gespielt wurden beispielsweise, als sogenannte Nachwuchsschauspieler plötzlich jünger waren als ich und ganz aktuell, seitdem 18-Jährige die Mode der 90er-Jahre wiederentdeckt haben. Alles kommt zurück, sagt man ja. Dass das auch für Buffalo-Plateauschuhe, Tattoo-Halsketten und Pullover mit großflächigem Aufdruck des Labels Fila gilt, hätte ich allerdings nicht für möglich gehalten. Zu allem Übel hat Jasmin Wagner alias Blümchen gerade einen neuen Song mit David Hasselhoff herausgebracht. Jede Minute erwarte ich den Anruf meiner Schulfreunde, die mich fragen, ob wir mit unserem Super-Ferien-Pass ins Gatower Schwimmbad fahren.

Ein neuer Höhepunkt meiner frühzeitigen Vergreisung war allerdings in der vergangenen Woche erreicht, als ich anlässlich ihres angekündigten Karriereendes im Alter von 20 (!) Jahren Die Lochis interviewt habe. Sie wissen schon, diese YouTube-Zwillinge, für die pubertierende Mädchen heute schwärmen. Meinen Lehrer- und Elternfreunde waren dementsprechend gut informiert. Ich hatte es bisher hingegen vermieden, mir nur ein einziges Video von Heiko und Roman Lochmann anzusehen. Man muss seine Vorurteile schließlich pflegen. YouTube kommt in meinem Alltag nur vor, wenn ich mir einen Kinotrailer oder ein Tutorial für Handwerk, Frisuren oder Fitness ansehen will. Der Hype um die Stars des Videoportals ist somit gänzlich an mir vorbei gegangen. Gleiches gilt für die Zunft der Influencer. Ich gebe zu: Ich verstehe es einfach nicht!

Irgendwann versteht man die aktuelle Jugendkultur nicht mehr

Das meine ich gar nicht despektierlich. Also nicht bei allen. Ich habe mich mit Riccardo Simonetti schon sehr fundiert über seinen wichtigen Einsatz für die LGBT-Community unterhalten. Und die Outfits von Caro Daur schaue ich mir tatsächlich gern als Inspiration an. Trotzdem fällt es mir schwer, Instagrammer als ernsthaften Beruf anzuerkennen. Und da wären wir wieder beim Alter. Auch in meinem berufsjugendlichen Arbeitsumfeld ist offensichtlich irgendwann der Punkt erreicht, an dem man die Jugendkultur einfach nicht mehr versteht und sich dabei ertappt wie man sich beim Kopfschütteln an die eigenen Eltern erinnert. Ich möchte gar nicht behaupten, dass NSync, Mila Superstar oder wen wir sonst noch in den 90ern verehrt haben, inhaltlich besonders anspruchsvoll waren. Sie trotzdem toll zu finden, ist wohl das Privileg der Jugend. Insofern legen Die Lochis auf mich als Zielgruppe wahrscheinlich auch gar keinen Wert.

Zur Vorbereitung des Interviews kam ich nun aber nicht umhin, mich doch einmal genauer mit dem Œu­v­re der beiden auseinanderzusetzen. 2,6 Millionen Menschen folgen ihnen auf YouTube, jeweils 1,5 Millionen auf Instagram. Irgendwas muss also dran sein an den Brüdern aus Darmstadt. Eigene Songs gibt es da mittlerweile, Erklärvideos für die verwirrenden Unterschiede zwischen Jungs und Mädchen oder auch Tipps zum Umgang mit Mobbing und Akne. Besonders fasziniert haben mich allerdings die ersten Videos der Zwillinge, in denen sie, gerade 12-jährig, englische Popsongs auf Deutsch nachsingen oder parodieren. Ich fühlte mich dabei amüsiert bis irritiert an die Kassetten erinnert, die ich früher im Kinderzimmer mit meiner Schwester aufgenommen habe. Statt Musik spielten wir unsere Lieblingsfernsehshows nach. Bevorzugt „Traumhochzeit“ mit Linda de Mol oder „Herzblatt“ mit Rudi Carrell. Jetzt frage ich mich natürlich, ob wir unsere Werke auch bei YouTube hochgeladen hätten, wenn es das damals schon gegeben hätte. Wahrscheinlich schon. Irgendwo im Keller meiner Eltern müssen die Aufnahmen noch zu finden sein. Vielleicht rufe ich meine Schwester direkt einmal an und wir überlegen, wie sich daraus noch ein Geschäftsmodell entwickeln lässt.