Auf dem roten Teppich

Hätte man nichts zu meckern, wäre es nicht Berlin

Nach der Fashion Week ist Jogginghose angesagt – und eine Bilanz. Von subventionierten Auftritten und großen Berlin-Momenten.

Hätte man am Ende nichts zu meckern, wäre es  irgendwie  nicht Berlin, meint Annika Schönstädt.

Hätte man am Ende nichts zu meckern, wäre es irgendwie nicht Berlin, meint Annika Schönstädt.

Berlin. Hatte ich schon erwähnt, dass in der vergangenen Woche Fashion Week war? Während ich das hier schreibe, liege ich in Jogginghose auf dem Sofa. Das einzig akzeptable Outfit nach fünf Tagen Fummel und High Heels. Am liebsten würde ich noch die ganze Woche so ins Büro gehen.

Wenn ich dabei in meine Füße hineinfühle, erinnern die sich noch ziemlich gut an die letzte Partynacht. Vogue Fashion-Feierei in der ehemaligen Kirche St. Agnes in Kreuzberg. Alle waren noch mal da: die Designer, die Journalisten, die Influencer und die Promis. Karolína Kurková zum Beispiel, Toni Garrn, Lena Gercke, Stefanie Giesinger und Bill Kaulitz, der leider nichts über die Hochzeit von Heidi und Tom erzählen wollte. Nachdem das geklärt war, konnte man sich endlich dem wirklich wichtigen Thema des Abends widmen: War das jetzt eine gute Fashion Week oder nicht?

Fashion Week - Die älteren Kollegen sind sich sicher: Früher war mehr Lametta

Seit meiner ersten Modewoche vor sechs oder sieben Jahren erlebe ich bei dieser Diskussion ein Déjà-vu. Die Medien schreiben von der Belanglosigkeit der Berliner Fashion Week im Vergleich mit Paris, Mailand oder New York oder eben vom unvergleichbaren Berliner Underground-Schick. Die älteren Kollegen sind sich sicher: Früher war mehr Lametta.

Eine urbane Legende, die in diesem Zusammenhang immer wieder herhalten muss, sind die Boss-Partys Ende der 2000er-Jahre. Gefühlt werden sie in den Erzählungen immer spektakulärer. Als wir die noch hatten, ja, da machte unsere Fashion Week noch etwas her. Mit Boss, so schien es, verschwand auch der Glamour aus Berlin.

Hugo zeigt neue Kollektion in dreiminütigem Werbefilm

Nun ist das Label seit 2018 mit seiner jungen Linie Hugo zurück auf der Berliner Fashion Week. Und das Comeback war tatsächlich vielversprechend: eine Show im Motorwerk in Weißensee mit Whiz Khalifa, Lotti Moss und Winnie Harlow. Was in diesem Jahr folgte, hatte mit Mode allerdings nichts mehr zu tun. Mit deutscher A-Prominenz und einem Auftritt von One-Direction-Sänger Liam Payne war die Gästeliste zwar auch hier wieder außergewöhnlich, genauso wie der Ort: eine leerstehende Papierfabrik im Industriegebiet neben dem Berghain, rot ausgeleuchtet und mit verspiegelten Säulen versehen. Die neue Kollektion wurde dann jedoch in einem dreiminütigen Werbefilm abgehandelt. Eine Inszenierung rein für Bilder auf Instagram. Schade nur, dass das soziale Netzwerk an diesem Abend seinen Dienst verweigerte.

Die neue Abiball-Kollektion aus dem Versandhauskatalog

Zurück auf der Vogue-Party feierte sich das Modemagazin selbst für 40 Jahre auf dem deutschen Markt. Chefredakteurin Christiane Arp hielt eine Rede, in der sie mit den Legenden aufräumen wollte, die über ihre Zunft kursieren. „Heute schmeißen wir unseren Assistentinnen nicht mehr unsere Mäntel auf die Schreibtische“, sagte sie in Anspielung auf den Film „Der Teufel trägt Prada“. Allerdings sind mir solche Eskapaden, mit denen die 58-Jährige kokettierte, von ihr noch nicht zu Ohren gekommen. Christiane Arp ist eben nicht Anna Wintour.

Genauso wenig wie Berlin Paris ist oder Guido Maria Kretschmer Valentino. Aber ist das nun schlimm? Ich bin da unentschlossen. Natürlich würde man sich doch mehr Designer wünschen, deren Entwürfe nicht aussehen wie die neue
Abiballkollektion aus dem Versandhauskatalog. Natürlich sind subventionierte Auftritte aus Hollywoods dritter Reihe eher ein Armutszeugnis als ein Aushängeschild. Daneben gibt es aber auch die ganz großartigen Berlin-Momente. So wie die Show von Marina Hoermanseder mit einer Diversität und Fanbase im Publikum, die es für Geld nicht zu kaufen gibt. Mit einer knallbunten Kulisse und Mode, die ihren Namen verdient.

Lichte Momente gibt es auch bei den Schauen von William Fan oder dem ewigen Michael Michalsky. Dass er seine StyleNite zu einer Show im E-Werk schrumpfte und das als politisches Statement verkaufte – geschenkt. Hätte man am Ende nichts zu meckern, wäre es ja irgendwie auch nicht Berlin.