Auf dem roten Teppich

Fashion Week und der unwürdige Kampf um eine Goodiebag

In Berlin ist wieder Fashion Week. Geschenke, die dort verteilt werden, führen oft zu absurden Szenen, beobachtet Annika Schönstädt.

Annika Schönstädt wundert sich, dass den Leuten überhaupt nichts peinlich ist.

Annika Schönstädt wundert sich, dass den Leuten überhaupt nichts peinlich ist.

Foto: Getty Images/Reto Klar

Berlin. Seit ich über Prominente und Sterneköche schreibe, bekomme ich von meiner Großmutter oft zu hören, dass ich ja nun in besseren Kreisen verkehren würde. Der Italiener um die Ecke, zu dem wir an ihrem Geburtstag gern gehen, sei für mich deshalb wahrscheinlich eine Zumutung. Nun gehört meine Oma offensichtlich zu den Menschen, die davon ausgehen, dass Angehörige der sogenannten Gesellschaft sich stets kniggekonform verhalten. Das Gegenteil ist der Fall. Sehr anschaulich lässt sich das in dieser Woche während der Fashion Week beobachten. Jenes sich halbjährlich wiederholende Spektakel, bei dem offiziell die Mode im Vordergrund steht, bei dem es für viele aber darum zu gehen scheint, in kurzer Zeit möglichst viel an sich zu raffen.

Wie bei diversen anderen VIP-Events gibt es auf den Partys und Empfängen der Modewoche viel umsonst: Drinks, Häppchen, Goodiebags. Diese Dreifaltigkeit lässt einige Gäste ihre gute Kinderstube vergessen – insofern sie denn überhaupt einmal vorhanden war. Seit 2018 findet die Berlin Fashion Week im E-Werk an der Wilhelmstraße statt. Für die Zeit zwischen den Shows gibt es in der oberen Etage eine Lounge, die für einen erlauchten Kreis von Bändchenträgern Erfrischungen bereithält. Neben dem überlebenswichtigen Kaffee wird dort auch Alkohol ausgeschenkt. Mittelmäßiger Wein und zu süßer Sekt zwar, aber, wie gesagt, UMSONST! Das schmeckt zur Not auch schon morgens um neun – was man hat, hat man.

Von Zeit zu Zeit werden auch Snacks serviert. Der Renner ist Currywurst. Während sich die einen darauf stürzen wie halb verhungerte Hyänen und den Kellner schon an der Tür abpassen, gibt es natürlich auch Gäste mit Sonderwünschen. „Haben Sie nichts Veganes?“ Pikiertes Naserümpfen, wenn die Servicekraft entschuldigend verneint. „Na gut, dann habe ich jetzt mal nicht gewusst, dass da Fleisch drin ist.” Zwinker, zwinker.

Grapschen und Zerren um die Goodiebag

Frisch gestärkt geht es anschließen in den Kampf um die Goodiebags: Tütchen, die von vielen Designern in den ersten Reihen ihrer Schauen platziert werden. Darin sind kleine Aufmerksamkeiten: Wimperntusche, Nagellack, Süßigkeiten und dazu jede Menge Werbung. Keine Reichtümer also, aber trotzdem Objekt der Begierde, Trophäe beim späteren Catwalk auf der Straße und Gegenstand unwürdiger Szenen. In den meisten Fällen ist nicht für jeden Gast eine Goodiebag vorgesehen. Also wird gleich zu Anfang über Reihen hinweg gestritten, gezerrt und gegrapscht.

Ich wundere mich, dass den Leuten das überhaupt nicht peinlich ist. Noch schlimmer ist es, wenn es tatsächlich etwas zu holen gibt. Wenn etwa eine Party von einem hochpreisigen Kosmetikkonzern gesponsert wird. Einige prominente Damen sind sich dann nicht zu schade, am Ausgang eine zweite Tüte einzufordern. Sie haben ja schließlich dafür bezahlt. Ach nein, doch nicht. Man könnte auch meinen, wenn mehr oder weniger wohlhabende und bekannte Menschen zusammenkommen, müsse man sich um Diebstähle keine Gedanken machen. Glauben Sie mir, auch beim Ball der Wirtschaft verschwinden Handtaschen. Und wenn im KaDeWe nach Ladenschluss ein Dinner in der Luxusverkaufsfläche stattfindet, steht bis hin zur Toilette alle paar Meter ein Sicherheitsmann. Die Veranstalter werden schon wissen, warum.

Natürlich sind auch Journalisten vor schlechtem Benehmen nicht gefeit. Steht der Kellner mit dem Glas einmal nicht schnell genug parat, wird gern nachgefragt: „Ist der Champagner hier nur zur Dekoration?“ Immerhin kann ich sagen, dass der Umgang der Klatschkollegen untereinander freundschaftlich ist. Das stellte auch eine PR-Kollegin neulich sehr erstaunt fest. Sie sei hingegen am roten Teppich von einer Konkurrentin schon einmal grob zur Seite geschubst worden.

So viel also zur besseren Gesellschaft, in der ich mich beruflich bewege. Bei Omas Italiener zumindest musste ich mich noch nie ums Essen prügeln.

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