Auf dem roten Teppich

Im blauen Dunst - Warum so viele Promis Kette rauchen

Wenn Schauspieler und Musiker bei der Arbeit oder beim Feiern zusammenkommen, wird geraucht, was das Zeug hält.

Annika Schönstadt beobachtet das Leben der Promis in Berlin.

Annika Schönstadt beobachtet das Leben der Promis in Berlin.

Foto: picture alliance / Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/ZB/ Reto Klar

Aftershowpartys und Filmsets sind ein Paralleluniversum, in dem es nach wie vor zugeht wie in der Serie „Mad Men“ über eine Werbeagentur in den 60er-Jahren. Damit meine ich nicht alte, weiße Männer, die ihren Sekretärinnen ungestraft auf den Hintern hauen, sondern den vollkommen arglosen Konsum von Zigaretten. Gesundheitliche Risiken durch Tabak? Schutz vor dem Passivrauchen? Völlig überbewertet!

Sobald der Regisseur bei einem Dreh „Aus“ ruft, hört man allerorts die Feuerzeuge klicken. Wenn nach zehn Tagen Berlinale in den Fünf-Sterne-Häusern und einschlägigen Restaurants der Stadt feucht durchgewischt wird, dürften sich nicht nur unzählige Kippen, sondern auch das eine oder andere Brandloch finden. Das Rauchverbot, so scheint es, hat es in dieser Welt nie gegeben. Vorteil für Gesellschaftsjournalisten: Der Schwangerschaftscheck bei verdächtigten Damen funktioniert sogar zuverlässiger als der Blick aufs fälschungsanfällige Glas.

Es gibt nichts unsexieres als Nuckeln an einem Kästchen

Seit E-Zigaretten immer verbreiteter sind, hat sogar die Bewerbung der Sucht ihren Weg zurück auf VIP-Events gefunden. Gerät und Material werden dort häufig kostenfrei zur Verfügung gestellt, selbst Frauenzeitschriften feiern die Vaporizer inzwischen wieder als Lifestyleprodukt. Damit einher geht die Unart mancher Dinnergäste, zwischen den Gängen direkt am Tisch ein bisschen Dampf abzulassen. Das sei schließlich nicht nur viiiiel gesünder, sondern stinke dazu auch überhaupt nicht. Ähm, doch!

Meine Abneigung hat allerdings auch ästhetische Gründe. Ich finde, es gibt nichts unsexieres als das Nuckeln an einem Kästchen mit gelber Flüssigkeit darin. Stellen Sie sich einmal vor, Werber und Frauenheld Don Draper hätte sich zu seinem wohlverdienten Nachmittagsdrink ein paar Züge aus dem Verdampfer gegönnt.

Til Schweiger raucht sogar auf dem roten Teppich

Auf den Hochglanzbildern, die Sie später im Klatschblatt Ihrer Wahl von den Ausschweifungen der Prominenten sehen, tauchen Zigaretten dennoch so gut nie auf. Selbst Champagnergläser werden von den Geladenen meist hektisch zur Seite gestellt, wenn das Objektiv eines Fotografen auf sie gerichtet ist. Man ist schließlich Vorbild. Werden Sauberfrauen wie Heidi Klum oder Lena Gercke doch einmal mit Zigarette abgelichtet, handelt es sich ziemlich sicher um einen Paparazzo-Abschuss.

Ausnahmen gelten für Rockstars, Trashpromis, Stars der Liga wie Catherine Deneuve, die sowieso über den Dingen schwebt, oder für Til Schweiger, der mit den Medien ein ganz eigenes Verhältnis pflegt. Der Schauspieler möchte nicht einmal auf dem roten Teppich – der sich zugegebenermaßen schon mal eine Weile hinziehen kann – auf seine Dosis Nikotin verzichten. Auf O-Töne hoffende Journalisten hinter der für solche Zwecke aufgebauten Absperrung müssen in diesem Fall darüber hinwegsehen, dass ihnen Rauchwolken ins Gesicht geblasen werden. Aber wer wird denn da gleich in die Luft gehen?

Katharina und Anna Thalbach: zwei Generationen Kettenraucher

Nach einem Interview mit Kida Ramadan und Frederick Lau im Soho House in Mitte fühlte ich mich einmal wie nach einem ausgedehnten Eckkneipenbesuch. Natürlich ist das Rauchen in dem Mitgliederclub für Prominente und Menschen, die irgendwas mit Medien machen, offiziell nur auf der Terrasse erlaubt. Ähnlich dem früheren Versteckspiel auf dem Pausenhof gaben sich die beiden Schauspieler also halbherzig Mühe, den verantwortlichen PR-Menschen zu versichern, dass sie natürlich nur am Fenster rauchen würden. Kaum war die Tür zu, war die Zigarette am Tisch wieder an – und die nächste und die übernächste.

Immerhin wurde ich mehrfach gefragt, ob ich nicht doch eine mitrauchen wollte. Ähnlich erging es mir bei einem Gespräch mit Katharina und Anna Thalbach: zwei Generationen deutsche Filmgeschichte, zwei Generationen Kettenraucher. Wer, so wie Sido, als Rapper etwas auf sich hält, raucht beim Interview natürlich einen Joint. Allerdings ohne mir einen Zug davon anzubieten.